Amsterdam – Hoek van Holland

Um genügend Zeit zum Packen zu haben und den Urlaub nicht im Stress zu starten, habe ich mich für eine Anfahrt am Sonntag entschieden. Start ist um kurz nach halb zehn ab Gesundbrunnen, der Zug ist dann um kurz vor fünf am Nachmittag in Amsterdam. Einen Start ab Berlin hatte ich diesmal nicht geplant, da ich ja bereits in den letzten beiden Corona-Jahren nur in Deutschland unterwegs war und diesmal gleich mit schöner Fahrradinfrastruktur und tollen Eindrücken beginnen wollte.

Eine Person steht mit einem Liegerad bei blauem Himmel auf dem Bahnsteig
Fertig zur Abfahrt

Die Zugfahrt verlief reibungslos, bis ich in Amsterdam den Bahnhof verlassen hatte, war es kurz nach siebzehn Uhr. Während der Fahrt hatte ich ein Hotel in Hoek von Holland direkt an der Hoeksveer (Fähre) gebucht und damit nach Plan 91 Kilometer auf einer Route, die von Amsterdam zunächst direkt ans Meer und dort dann südlich führte, vor mir.

Der Start in Amsterdam verlief gut, bald war ich aus der Innenstadt raus und fuhr neben der Bahnlinie nach Haarlem. Die Umleitungsschilder auf holländisch waren für mich wegen der Ortsnamen nicht klar zu verstehen und so hatte ich Spaß mit einem geschlossenen Bahnübergang und der Tatsache, dass an der nächsten der wenigen möglichen Querungen – einem Bahnhof – beide Aufzüge an der Überführung außer Betrieb waren und es hieß tragen bzw. die enge seitliche Schieberinne nutzen.

4 Radfahrer mit orangen T-Shirts auf einem breiten Radweg
Pulk von Radfahrern auf dem Heimweg von F1 GP

Nachdem ich mich aus dem Wohngebiet, in das ich geriet, heraus gewunden hatte und wieder auf meinem geplanten Track war, kam die nächste Überraschung: Mein Track führte nah am Formel-1-Parcours vorbei, an dem gerade eine Veranstaltung zu Ende war. Und so strömten mir tausende Menschen in orangen T-Shirts auf ihren Rädern entgegen. Als ich am Veranstaltungsort vorbei war fuhr ich dann viele Kilometer durch die Dünen mit dem Pulk, was mich abermals bremste. Ich hoffte mein Hotel bis 21 Uhr zu erreichen, damit der Checkin noch klappte.

Ein gepflasterter Radweg in den Dünen bei Sonnenuntergang
Sonnenuntergang in den Dünen

Hinter Leiden wurde es ruhiger und hinter Den Haag hatte ich den Weg nahezu für mich alleine, allerdings war die Sonne mittlerweile untergegangen und es wurde dunkel. Ich kam um 21 Uhr am Hotel an und der Checking klappte problemlos. Allerdings musste ich schnell in die Stadt, denn zwischen 21:30 Uhr und 22:00 Uhr schlossen alle Restaurants, so dass ich mich beeilen musste, um noch etwas zu essen zu finden.

Entgegen sonstiger Gewohnheiten duschte ich also nach dem Essen und fiel dann müde ins Bett. Der Wecker stand auf sieben Uhr früh, damit ich Zeit hatte, zu frühstücken, alles zu packen und die Fähre um neun Uhr morgens zu erreichen.

Hoek van Holland – Blankenberge

Um siebe Uhr ging der Wecker und ich packte die wesentlichen Dinge zusammen, bevor ich das Haus verließ und zum Partnerhotel im Ort zum Frühstück ging. Anschließend lief ich wieder zurück und packte den Rest, sattelte das Rad und checkte aus. Ich war somit etwas zu früh an der Fähre.

Die Überfahrt durch den Rotterdamer Hafen dauert etwa 50 Minuten und ist wie eine kleine Rundfahrt durch die Container- und Öl- und Gasterminals. Nach dem Verlassen der Fähre, die nur Personen und Radfahrer mitnimmt, verläuft die Strecke noch durch die Hafenanlagen, bis man sehr plötzlich dann im Grünen ist und über ruhige Wege, die oft dem Radverkehr vorenthalten sind, weiter in Richtung Süden fährt. Die Küste ist in diesem Abschnitt eher selten zu sehen.

Küstenradweg in den Niederlanden

Erst am Haringvliet- und Bouwersdam zeigt sich die See wieder kurz, ich überlege noch baden zu gehen, aber wegen der Straßennähe sind mir die Strände zu voll, um derweil mein Gepäck und Wertgegenstände unbeaufsichtigt am Strand zu lassen. Die weitere Strecke bis Neeltje Jans geht abseits der Küste entlang, bis man sich dann von hinten den Deltawerken nähert.

Nach dem Verlassen der Deltawerke, wo ich ein kleines Mittagessen in Form von Fischsuppe und Waffel aß, geht es via Middelburg weiter zur Fähre in Vlissingen, die Radfahrer und Fußgänger in 20 Minuten über die Scheldemündung bringt.

Sonnenuntergang über dem Meer

Nach der Fähre fürt die Route über den Küstenweg durch die Dünen und ist sehr schön, doch bald schon erreiche ich Belgien, wo die Wegequalität merklich schlechter ist. Dafür geht es wieder durch stärker bebautes Gebiet und ich merke, dass meine Energievorräte sich neigen, plane als für eine Unterkunft hinter Seebrügge.

Beim Verlassen von Seebrügge ist es dann soweit, plötzlich bin ich wie ausgeschaltet, komme kaum noch voran. Ich buche für den nächsten Ort, Blankenberge, ein Hotel. Dieses beziehe ich und folge der normalen Abendroutine: Duschen, einkaufen, kleiner Spaziergang, essen, Bett.

Blankenberge – Wissant

Da ein Meer ja nur dann als wirklich erreicht gilt, wenn man auch mal drin badet, habe ich den Morgen eben so begonnen: Vor dem Frühstück ging ich um 07:30 Uhr zum Strand, der um diese Zeit noch menschenleer war, und stieg ins kühle Nass der Nordsee. Da ich nicht sicher war, ob noch ablaufendes Wasser war, blieb ich in einem Bereich, in dem ich sicher stehen konnte, schwamm aber doch einige Meter hin und her. Anschließend duschte ich im Hotel und machte mich fertig fürs Frühstück um 08:30 Uhr.

Küstenboulevard in Belgien

Da mich der Tag ja von Belgien nach Frankreich führen sollte, genoss ich das üppige Frühstücksbuffet, bevor ich meine Sachen packte und mich bereot machte für die Abreise. So ging es nicht allzu früh auf’s Rad.

Bis auf ein kurzes Stückchen hinter Blankenberge durch die Dünen führte mich die Fahrt zunächst über Straßen mit schmalen Radstreifen in mäßigem Zustand, der Vergleich zu den Niederlanden ist in Flandern bestenfalls auf sprachlicher Ebene erlaubt, sonst ist Belgien dichter an Frankreich.

In Oostende gab es im Hafen noch eine kleine (kostenlose!) Fährfahrt und zwischen den leider ziemlich zugebauten Boulevards an der belgischen Küste begegnete mir immer wieder die „Kusttram“, die Küsten-Straßenbahn. Auf einigen Fahrten abseits der Küste schickte mich mein Routing auf Wege, die zwar in OSM (offensichtlich in ausreichender Qualität), nicht aber in der Realität existierten. Die Umwege hielten sich aber zum Glück in Grenzen.

Apropos Grenze: die Grenze zu Frankreich machte sich durch den Beginn eines Bahntrassenradweges bemerkbar, der mit nur kleinen Unterbrechungen bis nach Dunkerque verlief. Gesättigt vom Frühstück durchquerte ich die Stadt und legte als Minimalziel Calais fest. Leider missachtete ich die strikten Essenszeiten in Frankreich und so kam ich erst nach guten 100km um 15 Uhr zu einem Restaurant. Dieses hatte zwar offen, aber die Küche war zu, so dass ich lediglich ein Dessert und jede Menge Getränke zu mir nehmen konnte.

Plattenweg und Hügel

Calais wollte ich schnell hinter mir lassen. Bei der Ausfahrt aus der Stadt kam ich am Eingang des Eurotunnels vorbei, die mit mehrfachen Zaunreihen und jeder Menge Natodraht gesichert ist. Leider war ich hier auf einer stark befahrenen Straße ohne Radweg unterwegs, von der ich mich erst später entfernte. Auch wurde das Gelände hügeliger, was mir Steigungen von bis zu 10% einbrachte, bevor ich Wissant erreichte. Aufgrund von passender Infrastruktur (Supermarkt, Restaurants, Hotels) und nahenden Regeens sollte dies mein Tagesziel werden-

Die gewohnten Zeitfenster für offene Restaurants und Küchen schein hier im Norden andere zu sein, schon um 20 Uhr war es nahezu unmöglich, zum Essen einzukehren. Dennoch fand ich das eine Restaurant im Ort, das mich vor der Katastrophe bewahrte, abends nichts mehr zu essen zu bekommen, wenn man tagsüber jenseits der 4000kcal gegen den Wind verballert hat.

Wissant – Dieppe

Mit dem Frühstück ließ ich mir Zeit, draußen hatte der Wind aufgefrischt und trieb dunkle Wolken über das Land. Die kommenden Etappen würden hügelig, soviel war klar. Und an Tag vier der Fahrt merkte ich die ungewohnte Belastung und meinen nach Corona schlechten Trainingszustand schon vor dem Losfahren.

Wolken ziehen über die Landschaft

Als es endlich losging, erwischte mich der erste Schauer noch im Ort, ich stellte mich einige Minuten unter, dann war das Schlimmste vorbei und ich fuhr bei nur leichtem Getröpfel los. Nach 10 Minuten war es wieder trocken, doch der Wind blieb. 20km/h bis 25km/h aus Südwest – und meine Strecke führte abwechselnd nach Süden oder Westen.

Dann folgte ich auch noch der offiziellen Radwegführung. Damit war ich nicht mehr auf der Landstraße unterwegs, die halbwegs befahren war, die Autofahrer waren aber durchgehend vorsichtig beim Überholen. Stattdessen fuhr ich über kleine Wirtschaftswege mit teils kräftigen Steigungen bis zu zehn Prozent. Keine Radroute für jeden.

Bunte Häuser an der Küste

Nach 15km gegen Wind und Steigungen fühlte ich mich ziemlich fertig, allein die Tatsache, dass es noch recht früh war, ließ mich daran glauben, wenigstens 50 Kilometer zu schaffen. Doch das Wetter besserte sich und an einigen Stellen ignorierte ich mein Routing entlang des offiziellen Eurovelo 4 und bevorzugte die Straße. Einen echten Flow hatte ich bestenfalls zeitweise, aber es ging voran.

Nachdem ich an einer Creperie im Hafen vorbeigefahren war (ca. Kilometer 50), fand ich bei Kilometer 75 eine offene Boulangerie (Bäcker), wo ich ein Sandwwich und ein Getränk erstehen konnte, was ich ein Stück weiter auf einer Bank aß. Langsam reifte der Plan, heute bis Dieppe durchzufahren. Also etwas mehr als 160 Kilometer.

Immer wieder bremsten mich Wind oder Steigungen aus, doch insgesamt ging es voran. Dieppe als größerer Ort hatte auch Infrastruktur zu bieten, die eine Ankunft erst gegen 19 Uhr möglich machte, ohne befürchten zu müssen, keine Getränke oder gar kein Abendessen mehr auftreiben zu können.

Steilküste in Dieppe

Die letzten 20 Kilometer kam ich nur noch schleppend voran, aber die Aussicht auf das Ziel und eine mögliche Erreichbarkeit der Gegend um Le Havre am Donnerstag gaben mir Kraft. Und so kam ich wirklich um 19 Uhr in Dieppe an, fand ein Hotel, einen Supermarkt und ein Restaurant mit Nudelversorgung, Und ich warr glücklich und stolz, das geschafft zu haben, auch wenn mir mein Körper in den kommenden Tagen eventuell mitteilen wird, dass ich hier an die Grenze meiner momentanen Leistungsfähigkeit gegangen bin.

Dieppe – Dieppe

Ich hatte ausgeschlafen und konnte den Morgen mit einem ausgiebigen Frühstück beginnen. Ich hatte noch auf dem Plan, wegen eines kleinen Problems mit der Schaltung beim Radhändler im Ort vorbeizuschauen, der aber erst um 10 öffnete, aber ich hatte ja auch nur ca. 125km auf dem Plan.

Bahnradweg hinter Dieppe

Der Radhändler nahm sich Zeit und konnte mein Problem lösen, so machte ich mich gegen halb elf auf den Weg. Ein wenig durch die Stadt, auf der Landstraße raus und dann ab auf den Bahntrassenradweg. Wunderschön, die kleine Steigung am Anfang lief auch problemlos, der gestrige Tag hatte wohl keine allzu schlimmen Auswirkungen gehabt.

Irgendwann spürte ich, dass ich einen Platten hatte. Es hatte leicht geregnet, aber ich konnte unter Bäumen im halbwegs trockenen halten. Ich holte den alten Schlauch raus, lokalisierte die Problemstelle und machte den neuen Schlauch rein. Leider baute der Reifen keinen Druck auf – ich hatte ihn beim Reindrücken des Reifens beschädigt. Also den gerade entfernten Schlauch flicken und nochmal tauschen. Dann konnte es endlich weiter gehen.

Reifen flicken. Mehrfach. Akkupumpe regelt.

Nur wenige Kilometer später der nächste Platte. Zuerst dachte ich, der Flicken hätte nicht gehalten, aber es war ein weiterer Splitter Muschelkalk. Ich flickte also einen weiteren Schlauch, untersuchte den Reifen, aber schon beim Aufpumpen an wieder anderer Stelle ein Problem. Diesmal untersuchte ich den Reifen viermal von innen und außen und pulte diverse Muschelsplitter heraus, die sich offensichtlich auf dem glatten Asphalt des Radweges ihren Weg durch den Mantel arbeiteten.

Beim Aufpumpen fiel mir dann eine Stelle am Reifen auf, wo ein größeres Stück die Karkasse beschädigt hatte und sich nun der Schlauch nach außen drückte. Also ließ ich sofort die Luft ab und flickte den Reifen notdürftig von innen mit einem Schlauchflicken.

Da die ganze Aktion sehr viel Zeit gekostet hatte und vor mir noch gute 100km ohne Orte mit nennenswerter Infrastruktur lagen, beschloss ich, umzukehren und nach Dieppe zurückzufahren. Radladen, Decathlon und Bahnanschluss garantierten hier genügend Möglichkeiten, das Problem irgendwie zu lösen.

Fischerboote im Hafen von Dieppe

In Dieppe steuerte ich zuerst den Decathlon an der sich eh fast auf meinem Weg befand. Dort war aber die Auswahl eher mäßig und der Verkäufer verwies mich unter der Hand auf „den anderen Fahrradladen im Ort“, den ich ja von morgens bereits kannte. Ich rief dort an und mir wurde kundgetan, dass ein passender Mantel und Schläuche vorrätig seien. Also stand ich wenige Minuten später dort wieder auf der Matte. Ein 35mm Heavy Duty E-Bike-Reifen ist vielleicht nicht ganz so spritzig, wie mein 28mm Ultraleicht-Modell, dafür aber haltbarer – und ich komme damit definitiv weiter.

Das Hotel von der letzten Nacht war leider ausgebucht, so musste ich im Ort ein anderes suchen. Ich fand eines, zwar etwas teurer, dafür aber direkt am Strand. Ich hatte noch genügend Zeit für einen Stadtrundgang und Galette & Crepes am Abend.

Dieppe – Le Havre – Merville-Franceville-Plage

Der Morgen begann mit einem Blick aus dem Fenster: dunkles Grau am Himmel, schnell ziehende Wolken und Regen. Die Wetter-App bestätigte die Beobachtung und dass es sich kurzfristig nicht ändern würde. Ich ließ mir – in der Hoffnung, dass doch noch eine Änderung eintreten möge – Zeit.

Welle und Gischt am Strand von Dieppe

Auch nach dem Frühstück war das Wetter nicht viel besser, so wartete ich weiter ab und begann, mir eine Alternative zurechtzulegen. Sollte um 11 Uhr das Wetter noch immer ungünstig sein, würde ich mit der Bahn bis Le Havre abkürzen. Und so kam es dann auch. Wobei der Regen zumindest um kurz nach elf abgezogen war, Wind aber aus ungünstiger Richtung mit 35 bis 50 km/h blieb.

Ich rollte also die kurze Stracke zum Bahnhof, kaufte mir eine Fahrkarte und fuhr mit dem Zug mit Umstieg in Rouen nach Le Havre. Dort musste ich durch den Hafen und die großen Industriegebiete mit dem Wind im Rücken zunächst ein kleines Stück zurück fahren, bis zur großen Brücke über die Mündung der Seine.

Brücke an der Mündung der Seine

Diese Brücke, immerhin Teil der offiziellen Wegführung des Eurovelo 4, hat es für Radfahrer dann ganz schön in sich. Freut man sich anfänglich noch darüber, dass man als Radfahrer an der Autoschlange und der Mautstation (Auto: 5,60€, Fahrrad: frei) vorbei fahren kann, steht man dann plötzlich auf einer mehrspurigen stark befahrenen Straße mit einem einen Meter schmalen Seitenstreifen, der nur durch eine Linie gegen die Fahrbahn der Autos abgegrenzt ist und realisiert, dass man mit einer 8%-Steigung und kräftigem Seitenwind dort hoch und auf der anderen Seite wieder runter muss. Spaß ist anders. Autos und LKWs sausen knapp an einem vorbei, während man versucht die Schlenker klein zu halten, die man unweigerlich fährt, wenn an jeder Halteseilhalterung und den Pfeilern kurz der Wind weg ist und dann wiederkommt.

Hinter der Brücke ging es durch Honfleur, dann über die hügelige Küstenstraße weiter. In Villers-sur-Mer machte ich eine Pause mit Crepes und Milkshake. Ich suchte mir eine Unterkunft, die mich motivierte, noch den Weg über den nächsten 100m-Hügel zu fahren. Ein kurzer Schauer erwischte mich im Anstieg, den ich aber in einer Bushaltestelle abwetterte.

Sonnenuntergang über der Kanal-Küste

Nach der anschließenden Abfahrt wurde die Küstenlinie flacher und ich fuhr, nur durch den kräftigen Gegenwind gebremst, bis Merville-Franceville-Plage durch, wo ich ein Hotel gefunden hatte. Der Ort war auch der vorläufige Abschied von der Küste und daher ein Stopp, der sich anbot.

Ich besuchte den örtlichen Supermarkt, den Strand und ein Restaurant, bevor es ins Bett ging. Die Vorhersage für die kommenden Tage stellte besseres Wetter in Aussicht und ein paar Tage abseits der Küstenlinie.

Merville-Franceville-Plage – Saint-Hilaire-du-Harcouët

Der Morgen startete vielversprechend: mit einem für französische Verhältnisse reichhaltigen Frühstücksbuffet, das ich ausgiebig nutzte, um Energie für einen langen Fahrtag zu haben. Auch das Wetter sah gut aus: bewölkt, aber freundlich.

Vom Hotel kam ich schnell zu meinem Track zurück, derr schon nach wenigen Kilometern auf der Straße auf einen Seitenweg der Orne einbog und bis nach Caen führte. Hinter Caen begann dann auch gleich der Bahntrassenradweg Voie Verte de Suisse Normande (Grüner Weg der Normand’schen Schweiz). Vor dem westlichen Wind war ich weitestgehend geschützt, vor dem Regenschauer, den er er mitbrachte allerdings nicht. Und so hielt ich mit beginnendem Regen an einem trockenen Fleck unter einem Baum an und zog mir die Regenklamotten über, dann ging es weiter – bis zum nächsten Wartehäuschen an einem ehemaligen Bahnhof der Strecke.

Brücken auf dem Bahnradweg

Da im alten Bahnhofsgebäude ein Café war, wechselte ich alsbald dort hin und trank einen Tee, während ich auf das Ende des Regens wartete. Leider war das Regenradar hier in den Tälern nicht sehr genau (englisches Radar, das französische bekomme ich nur mit einer Stunde Versatz) und ich musste mich aufs Gefühl verlassen. Irgendwann war der Regen aber vorbei und ich bereitete mich auf die Abfahrt vor. Ohne Regenklamotten. Obwohl es wieder leicht angefangen hatte zu nieseln.

Während ich fuhr, wurde aus dem Nieselregen richtiger Regen, der an Intensität zeitweise noch zunahm. Da mir aber nicht kalt wurde und ich jetzt eh nass war, fuhr ich ohne Regenzeug weiter. In der Tasche waren die empfindlichen Dinge in Drybags, die halb empfindlichen in der Mitte zwischen wasserfesten Dingen.

Leider ging der schöne Bahnradweg irgendwann zu Ende und ich musste auf kleinen Straßen weiter, die im hügeligen Gelände bis zu 300m über dem Meeresspiegel durchaus kräftige Steigungen zu bieten hatten. Zudem war meine Route hier etwas lieblos geplant, was dazu führte, dass ich teils auf sehr kleinen, steilen und mit schlechten Belag ausgestatteten Straßen unterwegs war, teils plötzlich vor nicht asphaltierten Wegen (in OSM: unclassified) stand. Dies kostete mich einige Kraft und Umwege, bis ich beschloss, einfach nur noch D-Straßen zu folgen. Das Garmin routete dann meist problemlos um, notfalls orientierte ich mich im Überblick mit OSMand+ auf dem Smartphone.

Langweilige Landstraße und spektakuläre Wolken

Der Regen ließ auch irgendwann nach und hörte ganz auf und schließlich schaute ich 40km vor dem Mont-Saint-Michel ins Tal und wusste, jetzt kommen nur noch kleine Steigungen. 30km vor dem Mont-Saint-Michel machte ich eine kurze Pause und schaut nach Unterkünften. Das war an einem Samstag leider ernüchternd, die Preise rund um die Felsinsel waren astronomisch, wenn überhaupt etwas zu bekommen war. So fuhr ich einige Kilometer zurück und dann abseits der Route, um ein bezahlbares Hotel zu nehmen.

Der Ort gab nicht viel her, immerhin aber einen offenen Supermarkt für die Getränkeverorgung am Folgetag. Und ein Restaurant im Hotel, denn im Ort gab es kaum Alternativen. Das Hotelrestaurant bot ein Tagesmenü – als einzige Option. Die Spiesen waren aber gut zubereitet und lecker und passten zu meinen Ernährungsbedürfnissen auf Tour.

Saint-Hilaire-du-Harcouët – Guipry-Messac

Da ich das Rad im Zimmer hatte, konnte ich bereits vor dem Frühstück fast alles packen – ausgenommen waren lediglich meine Schuhe, da ich ungern in Fahrradschuhen zum Frühstücksbuffet gehe. Das Frühstück war ein gutes Buffet und lieferte Energie für den ersten Abschnitt des heutigen Tages.

Anfahrt zum Mont Saint-Michel

Ich hatte mich entschlossen, die gestern zurück gefahrenen Kilometer durch eine Abkürzung über die große Departements-Straße gutzumachen. Und der Plan ging am Sonntag morgen auch auf, der Verkehr war mäßig und die Straße bot einen ausreichenden Seitenstreifen an, um dort bequem mit dem Rad voran zu kommen. Durch einige schnelle Abfahrten ging es gut voran.

In der schönsten Vormittagssonne erreichte ich den Mont Saint-Michel undwagte mich mit dem Rad zwischen laufenden Touristenmassen hindurch bis auf den Platz direkt vor dem Felsen. Reingehen erlaubte weder mein Zeitplan, noch die Tatsache, dass ich ja mit bepacktem Rad unterwegs war (obwohl es dafür eventuell vor Ort sogar eine Lösung gibt, da bin ich aber nicht sicher). Zudem bin ich auf Radtouren kein großer Sightseeing-Fan.

Hügel und Landstraßen

Von dort hatte ich eine Route vor allem über kleine Landstraßen in Richtung Süden geplant. Am Anfang begleiteten mich noch Hügel und es ging teils etwas schleppend voran, diese wurden im Laufe der Fahrt aber flacher. Schwerer wog die Tatsache, dass – zumal am Sonntag – entlang meiner Route keinerlei Versorgungsmöglichkeiten bestanden. Selbst Plätze, um im Schatten, abseits der Straße, mal kurz ausruhen (oder pinkeln…) zu können waren rar. Und so verdrückte ich fünf Kilometer vor Rennes mein Notfall-Gel. In Rennes kam dann aber zum Glück die Rettung in Form offener Restaurants, die sogar am Nachmittag Speisen anboten. Diverse Getränke, ein Burger und ein leckerer Kuchen brachten die Lebensgeister zurück.

Hinter Rennes fuhr ich noch einige Kilometer Landstraße, bevor ich an der Vilaine entlang auf einen tollen Radweg gelangte. Zwar war dieser nicht durchgehend asphaltiert, der wassergebundene Belag aber in so einem guten Zustand, dass dies nicht weiter problematisch war. Da ich hier auch endlich ein kleines schattiges Pausenplätzchen fand, nutzte ich die Zeit für eine kleine Wartung. Sitz nachstellen, Spiegel einstellen, Reifendruck prüfen. Danach rollte das Rad wieder viel besser.

Flussradweg

Nach rund 150km und 1000 Metern Anstieg erreichte ich Guipry-Messac, wo ich mir eine Bleibe suchte, ein schöner Zufallsfund durch Anklopfen. Eigentlich nichts frei, aber weil das Hotel voll war und die Betreiber wohl Mitleid hatten, auch in Anbetracht der Uhrzeit und dass auf dem weiteren Weg nicht so bald eine neue Möglichkeit kam, wurde mir, während im örtlichen Restaurant Galette und Crepes aß, eine große Ferienwohnung zu einem fairen Preis fertig gemacht. Selbst ein Frühstück gehört zum Service, das morgens zur Ferienwohnung geliefert wird.

Guipry-Messac – Pornic

Die Vermieterin brachte mir morgens ein Baguette, Tee, ein Croissant, Butter, selbstgemachte Marmelade und Obst vorbei, so dass ich ein schönes Frühstück hatte, bevor ich die Ferienwohnung verließ.

Entlang der Vilaine

Zunächst fuhr ich weiter entlang der Vilaine. Der Radweg ist gut fahrbar, in weiten Teilen allerdings weiter mit wassergebundener Oberfläche versehen – diese kostet Kraft oder Zeit, je nach Strategie. Trotzdem war die Fahrt, teils im Schatten der Bäume, sehr erholsam und ich genoss es. Zumal an einem Montag auch kaum andere Radfahrer oder Spaziergänger morgens am Fluss unterwegs sind.

Erst ab Breslé wechselte ich wieder auf die Landstraße. Sofort wurde es etwas hügeliger, wenn auch nicht so wie in den letzten Tagen. Vor allem aber musste ich den zusätzlichen Sonnenschutz in Form eines über Mund und Nase gezogenen Buffs nutzen, da ich mir in den letzten Tagen, wo der Weg nach Süden führte, trotz Sonnencreme einen Sonnenbrand zugezogen hatte.

Brücke über die Loire

In Redon wollte ich ursprünglich eine erste Pause einlegen, doch fand sich direkt am Track nichts und ich war schneller wieder raus, als ich dachte. Also fuhr ich weiter. Und weiter. Und fand erst bei Kilometer 90 kurz vor der Brücke über die Loire eine Möglichkeit. Leider war ich bereits in einem Zustand, in dem ich (außer Getränke) nicht viel herunterbrachte und es wurde nur ein kleines Mahl.

Die Brücke über die Loiremündung hatte ich ja bereits 2014 überquert. Es ist auf dem schmalen Randstreifen eine Konzentrationsprobe, aber machbar – zumal auch heute der Seitenwind nicht wie vor einigen Tagen auf der Brücke über die Seine blies. Trotzdem machte ich nach der Überquerung erst einmal eine kleine Pause.

Abendlicher Hafen von Pornic

An der Küste windet sich die Radroute ziemlich und ich merkte meine mangelnde Versorgung. Dazu kam, dass durch die Gezeiten die Passage du Gois für mich nicht sinnvoll nutzbar war, das Mittagniedrigwasser hatte ich verpasst, nachts um kurz vor zwei war keine Option. Das drückte etwas auf die Motivation. Bei Getränken und einem Eis suchte ich mir eine nette Unterkunft in Pornic, da in den folgenden Küstenorten nur wenig frei und die Versorgung deutlich schlechter war.

Ein herrliches Privatzimmer in einer Villa, im Garten zwei Hühner als Haustiere. Ein Supermarkt um die Ecke und jede Menge Restaurants in Laufweite am Hafen. Nur zum Schwimmen kam ich aus Zeitgründen nicht mehr, dafür aber zu einer Partie Kicker mit dem Besitzer des Hauses.

Pornic – Saint-Vincent-sur-Jard

Da die Unterkunft kein Frühstück anbot, hatte ich mir im Supermarkt Joghurt und Rosinenschnecken besorgt. Einen Tee und ein Ei der eigenen Hühner spendierte der freundliche Besitzer dann doch. Nicht allzu spät kam ich dann los.

Die Passage du Gois

Es standen gut 35 Kilometer Fahrt bis zu dem Punkt an, wo ich die Entscheidung über Plan A oder Plan B treffen musste, nämlich über die Passage du Gois und die Ile de Noirmoutier oder eben außen herum zu fahren. Den Link zum Gezeitenkalender hatte ich natürlich auf dem Handy und so wusste ich, dass um kurz nach halb zwei Mittags das Niedrigwasser erreicht würde und der Gezeitenkoeffizient 100 betragen würde, was heißt, daß man früher auf die Passage kann (und später runter muß).

Ich entschied mich trotz fünf Kilometern mehr und zu erwartender Wartezeit für die Passage, zu faszinierend ist sie, um sie einfach für eine (recht langweilige) Umfahrung beiseite zu lassen. Vor dem Befahren nutzte ich die Wartezeit für ein Getränk im günstig gelegenen Café, dann ging es auf die langsam trocken fallende Straße. Die asphaltierten Stücke sind unproblematisch, die gepflasterten dagegen teils ziemlich glatt. Langsam bewegte sich die Autokolonne von beiden Seiten Stück für Stück vorwärts, so wie das Wasser die Straße freigab. Einige Autofahrer bogen aber auch direkt ins Watt ab, um Muscheln zu sammeln.

Der Küstenradweg bei Saint-Hilaire-de-Riez

Von der Insel herunter nahm ich die Brücke, deren Radweg allerdings gesperrt war, so dass ich – ohne Seitenstreifen – auf dem Autofahrstreifen (einer pro Richtung) drüber musste. Das Wohnmobil hinter mir ließ mir aber viel Platz und überholte erst auf der Abfahrt mit viel Seitenabstand.

Der EV1 windet sich anschließend – teils nicht asphaltiert – durch die Ortschaften und Wälder, ich folgte im Zweifel eher der Straße. Zwischendurch geht es am Ozean entlang auf einem Uferboulevard mit spektakulärem Blick zur Ozeanseite und Restaurants zu anderen. So kam ich heute rechtzeitig zu einem Mittagessen.

Wilder Ozean

Der Weg nach Les Sable d’Olonne hat wenig zu bieten, der Ort hat aber eine nette Innenstadt und vor allem den Hafen, an dem die berühmte Vendée Globe Regatta im Einhandsegeln um die Welt startet. Bei meiner kurzen Pause im Hafen suchte ich auch Orte raus, die für eine Übernachtung in Frage kamen. Am Ende landete ich ca 20km hinter Les Sable d’Olonne in Saint-Vincent-sur-Jard. Gern wäre ich einen Ort davor, in Jard-sur-Mer, geblieben, dort gab es aber keine freien Unterkünfte mehr.

Der Plan, abends noch im Atlantik zu schwimmen, wurde durch das an die Ufermauer schlagenden Wogen zunichte gemacht, zu gefährlich, dort auch nur den Fuß auf die Treppe zu setzen. Dafür fand ich ein gutes Restaurant im Ort und konnte meinen Kalorienbedarf decken.