Südwest 2011: Start!

Samstag, 10.09.2011

Die Woche war hart, die Vorbereitung schleppend, erst Freitag abend um kurz vor 23 Uhr war alles fertig. Für den Samstag war ich um 09:30 Uhr mit Klaus verabredet, der mich auf der ersten Etappe meiner Tour begleiten wollte. Bevor er auftauchte ging ich nochmal zur Bank und frühstückte beim Bäcker, dann packte ich die frisch gefüllte Wasserblase und eine Flasche mit einem Wasser/Saft-Mix ans Rad … und knack das Halteblech für den Getränkehalter unter dem Sitz brach. Was für ein Auftakt. Ich beschloss einen Umweg über meinen Händler zu machen, vielleicht hat der ja eines vorrätig.

Unten vor der Tür, Klaus kommt gerade an, Gepäck ans Rad, im das Malheur mit dem Getränkehalter präsentiert, GPS gestartet, aufs Rad gesetzt, einklicken, losfahren … es klickt aber nicht. Nanu? Von meinem Gang zur Bank habe ich noch die normalen Straßenschuhe an… Also nochmal hoch, Schuhe wechseln. Dann rüber zu Feine Räder, dieses spezielle Teil, das ich jetzt brauche, ist aber nicht auf Lager. Aushilfsweise wird mit Kabelbinder geflickt, das hält auch erstmal. Vielleicht komme ich ja auf dem Weg nach Südwesten noch bei einem Händler vorbei, wo ich mir das fragliche Teil hinbestellen kann.

Und dann endlich: los. Es geht über meine Stammstrecke, den Kronprinzessinnenweg, raus über den Schäferberg und durch Potsdam. Am Schwielowsee entlang und bei Ferhc auf den R1. Auf der Radweit-Strecke nach Dessau geht es bei zunächst wolkigem, aber mit guten 22°C warmen Wetter gut vorwärts. Eine Bäckerpause haben wir schon hinter uns, in Brück packt uns der Hunger und wir kehren beim Gasthof Stadtmitte ein. Gulasch mit Nudeln, viel zu trinken und zum guten Ende noch ein Eis für faire Brandenburger Preise.

Gut gestärkt geht es weiter und jetzt wagt sich langsam auch die Sonne hervor. Schon bald kommen die ersten sanften Höhenmeter (von Bergen spreche ich bewußt nicht). Dessau, unser Etappenziel kommt näher. Ein Anruf bei der Jugenherberge ergibt, daß wirklich heut keine Plätze mehr frei sind, also fahren wir ersteinmal weiter. Am Ortseingang Dessau beginnt dann die Hotelsuche, wir entscheiden uns für ein Hotel Garni knapp südlich von Dessau, wo wir dann auch nach 140km einkehren (für Klaus natürlich ein paar mehr).

Ein elegante Doppelsuite im besten Ost-Charme erwartet uns, durch das Grillfest im Hof, bei dem wir freundlicherweise noch mitessen dürfen werden werden wir entschädigt. Ein Verdauungsrundgang im Dorf rundet den Abend ab.

Südwest 2011: Sonne, Unwetter, Gastfreundschaft

Sonntag, 11.09.2001

Nach dem Aufwachen begrüßt uns blauer Himmel. Schnell haben wir gepackt und stärken uns am Frühstücksbuffet. Gegen 09:30 Uhr machen wir uns auf den Weg. Kurz auf die Karte schauen, wo man am besten wieder auf den Track zurück kommt, dann geht es los. Die Temperatur steigt unaufhaltsam, 25°C, 27°C, 29°C und die Sonne brennt. Leider liegt auch eine drückende Schwüle in der Luft. Und es weht ein scharfer Gegenwind, wir sehen die Windräder immer nur von hinten.

Klaus‘ Plan ist es, in Halle einen IC zu erreichen, die einzig stress- und umsteigefreie Rückfahrtmöglichkeit und so hängen wir uns rein. Natürlich wird nicht übertrieben, aber wir wechseln uns ab, unterhalten uns wenig ziehen unseres Weges. Das Gelände wird wellig, keine wirklich heftigen Anstiege, aber es läppert sich einiges zusammen.

Die Strecke nach Halle ist angenehm zu fahren, aber im wesentlichen eher ereignislos. Keine herausragenden Landmarken, keine wirklich spannenden Streckenabschnitte. In Halle trennen sich unsere Wege, als Klaus irgendwann vom Track abbiegt und einer großen Hauptstraße nicht ganz wie von den Verkehrsplanern für Fahrräder beabsichtigt zum Hauptbahnhof folgt.

Ich durchfahre Halle auf dem Radweit-Track, weitestgehend, an einer Stelle gibt es eine keine Abkürzung, vermutlich neu, nach einer einer angenehmen Fahrt durch einen langgezogenen Grünstreifen geht es dann auch bald wieder raus aus der Stadt. Ich beschließe bei nächster Gelegenheit eine Pause zu machen, über dem heißen Asphalt ist das Thermometer bei 31°C festgenagelt.Neben der Strecke finde ich einen schattigen Platz mit Selbstbedienung. Da mir die Gerichte nach dem KOnzepot fettiges Fleisch mit schwerer Soße (ausnahmslos alle!) nicht gefallen, nehme ich ein Eis und eine Apfelschorle und spekuliere darauf, demnächst vielleicht noch an einem Café vorbeizukommen. Außerdem liegt ja in absehbarer Entfernung noch der empfohlene Leimbacher Gasthof auf dem Weg, den ich für mein Mittagessen vorgesehen habe.

Das mit der absehbaren Entfernung entpuppt sich allerdings als Fehler. Der kräftige Gegenwind gepaart mit dem stetigen Anstieg in höheres Gelände, immer nur ganz geringe Prozentzahlen, aber die können mehr nerven als eine faire Steigung, zehren an den Kräften. Immer wieder wird meine Hoffnung auf ein Café oder ähnliches bitter enttäuscht. Zudem divergieren die autokalibrierende Höhenangabe auf dem GPS und die unkalibrierte auf dem Tacho zunehmend: der Tacho liegt mit seinen Angaben mittlerweile dutzende Meter über dem GPS, ein sicheres Zeichen für fallenden Luftdruck.

Noch 15km bis zum Gasthof. Durchhalten. Ich schwitze. Trotz Sonnencreme macht sich Sonnenbrand bemerkbar. Gegenwind.

Noch 10km bis zum Gasthof. Hungergefühl steigt auf. Ein sicheres, daß ich schon längst hätte essen sollen.

Noch 5km bis zum Gasthof. Tankstelle. Ich schlinge ein Sandwich hianunter, trinke ein Malzbier, esse zwei Schokoriegel. Die Beine schreien. Nicht gut.

Dann endlich der Gasthof. Dringend brauche ich jetzt die Pause. Apfelschorle, ein ordentliches Essen. Draußen zieht sich der Himmel zu. Die Regenprognose von gestern abend kündigte den Regen zwischen 17 und 19 Uhr. Es ist 15 Uhr. Eine Stunde Pause muß sein. Bevor das Essen nicht wirkt brauche ich kaum weiterzufahren. Ich bin über den Hungerpunkt, es ist schwer zu essen, aber ich tue es. Draußen ein paar jugendliche, die mein Fahrrad interessiert begutachten. Ich nehme mir etwas Zeit für sie, um mich abzuhalten, zu schnell weiterzufahren. Aber die Zeit drängt, das Regenradar läßt schlimmes erahnen.

Als ich weiterfahre sind es noch 30km bis Heldrungen. Das Essen liegt schwer im Magen. Nicht daß wir uns mißverstehen: hervorragendes Essen, aber mein Körper weigert sich, es so schnell zu verdauen, wie ich es jetzt bräuchte. Käme auf dem Weg eine passende Unterkunft, ich würde sie nehmen. Es kommt aber keine.

Abbiegung auf den Saale-Unstrut-Radweg, weg von den Autos. Es wird dunkler, vor mir eine schwarze Wand, sie zieht scheinbar wuer vor mir vorbei, ich muß von meinem Westkurs südwärst abbiegen, dort sieht es heller aus. Aber die Wand kommt trotzdem näher, bedrohlich nahe.

Kurz vor erreichen der Straße pfeifen plötzöich von einer Sekunde auf die andere Sturmböen über mich, die ersten Regentropfen. Mit erreichen der Straße wird der Regen stärker. Blitze zucken durch die Luft. Keine Bushaltestelle oder ähnliches weit uns breit, nur Bäume – und die sind bei Gewitter eine schlechtere Wahl als offenes Gelände. Ich sichere alle empfindlichen Dinge in meinen wasserdichten Taschen, ziehe die Regenjacke über, suche eine Lücke. Licht an und rauf auf die Straße. 10km noch bis Heldrungen. eine halbe Stunde, vielleicht etwas mehr. Ich werde naß sein, aber das ist auszuhalten.

Ein Sturmböe trifft mich von dwer Seite, das Auto hinter mir muß scharf bremsen, da ich unvermittelt auf die Gegenfahrbahn schieße. Scheiße. Ich kämpfe mich zurück an die rechte Seite. Neben mir ein Straßengraben, Bäume, die Laub und Äste verlieren. Der Wind peitsch mir seitlich so ins Gesicht, daß es schmerzt. Die nächste Böe, wieder auf die Gegenfahrbahn, nur mit mühe komme ich zurück auf die rechte Fahrbahnseite. Ich muß runter von der Straße, das ist lebensgefährlich. Aber wohin?

Auf einem Feldweg 200m entfernt auf der linken Seite steht ein Traktor mit einem Wohnwagen, eine Person schaut aus der Tür. Ich beschließe, dort nach Unterschlupf zu fragen. Der Wind drückt mich nach links, ich biege ab, lasse die Speedmachine mit den schweren Taschen in Windrichtung stehen, klopfe an die Tür. Mir wird geöffnet, ich werde eingelassen. Ein älterer Herr, er kommt gerade von einem Lanz-Bulldog-Treffen. Gemeinsam warten wir um Wohnwagen, der von Sturmböen und vom laufenden Traktor durchgeschüttelt wird.

Irgendwann wird der Regen, dann auch der Wind weniger. Da das Gespann auch noch gute zwei Stunden Fahrt vor sich hat, heißt es raus in den Regen und ab auf die Straße. Der Wind ist stark, aber beherrschbar.

Das schlechte Wetter treibt die Autofahrer zu noch wilderen Überholmanövern als sonst, ich fühle mich nicht wohl auf der Straße. In Reinsdorf winkt ein Mann am Straßenrand. „Das ist aber nicht so ein gutes Wetter zum Radfahren!“ Ich bleibe stehen, schaue nach dem Weg, das GPS-Display ist kaum zu erkennen mit dem vielen Wasser. Und werde auf einen Kaffee und ein Dach über’m Kopf eingeladen.

Und nicht nur das: Mein Rad kriegt einen trockenen Platz, ich einen Satz trockener Klamotten und meine nassen Radklamotten wandern in den Trockner. Wäre ich nicht immernoch satt, ich hätte sogar noch zu essen bekommen. Wahnsinn, daß es so eine Gastfreudschaft in Deutschland noch gibt heutzutage – für einen Wildfremden! Ich bin total überwältigt. Und dankbar. Ich kann ausruhen, mir geht es langsam besser, die Motivation kehrt zurück.

Ich rufe die Jugendherberge auf der Wasserburg in Heldrungen an, es gibt noch einen Platz für mich. 6 bis 8 Kilometer über einen ruhigen Radweg stehen mir noch bevor. Ich warte den Regen ab, dann geht es los.

Der Radweg ist super – bis auf eine kleine Stelle, wo gerade Baustelle ist. Das wäre unter normalen Bedingungen nicht schlimm, in diesem Fall hat der heftige Regen zu einer ca. 5cm tiefen Schlammkuhle geführt. Ich fahre langsam hindurch, bis zu einem Punkt, wo eine Steinkante kommt, die ich unmöglich hinauffahren kann. Ein beherzter Schritt in den Matsch. Hinterher klebt soviel davon in meinem Schuhen, daß ich erst den Inhalt meiner Trinkflasche opfern muß, um wieder einklicken zu können!

Leichter Regen setzt ein, ber der Wind läßt nach. So komme ich an der Wasserburg an. Ich bekomme ein nettes Zimemr, sogar noch einen Salat zum Abendbrot, kann duschen und mein Rad steht sicher und trocken. Ich breite meine Klamotten aus. Der Trocknergang zwischendurch hat dafür gesorgt, daß diese in einem Zustand sind, daß sie in absehbarer Zeit wirklich wieder trocken sein werden.

Was für ein Tag! 118km stehen auf dem Tacho. Reicht aber auch.

Südwest 2011: Kenne Deinen Gegner

Montag, 12.09.2011

Vor dem Fenster meines Burgzimmers hing noch etwas Dunst, aber nach und nach kam die Sonne durch. Nach einem ausführlichen Frühstück geht es auch schon bald los. Die kommende Etappe ist geprägt von Höhenmetern. Zunächst aber geht es auf den Unstrut-Radweg. Fernab von Autos geht es entlang des Flüßchens Unstrut entspannend vorwärts.

Doch bald ändert sich die Landschaft, es wird zunehmend welliger. Ich kämpfe mich Steigungen hoch. Es scheint aber keine Gefälle zu geben, die für die Anstrengungen entlohnen.
Und vor allem gibt es in den Orten, durch die ich fahre zwar jede Menge Fahrschulen, allerdings keine Bäcker. Oder einen Bäcker, der geschlossen hat, so wie die meisten Gasthöfe. Ich entwickle die Theorie, daß es vielen Leuten offenbar wichtiger ist, hier wegzukommen, als etwas zu essen. Dabei ist die Landschaft eigentlich wirklich schön.

Nur eben so wellig. Und es geht niemal bergab. Glaube ich.

Geschätzt müßte ich mittlerweile mindestens 1000m über dem Meeresspiegel sein. Das GPS widerspricht und gibt eine kalibrierte Höhe von 230m an. Und langsam wird es mir klar. Mein Gegner heute sind nicht die Steigungen – es ist der Gegenwind. Vier Bft und Böen. Allerdings ist deutlich zu merken, daß auf der Leeseite, wo ich aufsteige, deutlich weniger Wind herrscht, an der Luvseite allerdings der Wind offenbar sehr viel stärker bläst. Selbst auf fünf-Prozent-Abfahrten (die steileren kommen erst später am Tag) sehe ich selten mehr als vieleicht 25km/h auf dem Tacho. In der Ebene sind es vielleicht 16 bis 17 km/h.

Irgendwann finde ich Gräfentonna endlich einen offenen Supermarkt. Brötchen. Kuchen. Eistee (mit Zucker, kein Süßstoff – gar nicht so leicht heute…).
Und weiter geht es. Nach wenige Kilometern ebschließe ich, meinen Beinen eine Pause zu gönnen. Und ich merke, daß ich meine Sonnencreme wohl erfolgreich runtergeschwitzt habe: die Haut spannt. Auf einer Wiese lege ich mich ins Gras. Nach kurzem grüßt ein weiterer Radler, wir unterhalten uns kurz.

Und dann wieder los. „Eisenach, dann hast Du’s hinter Dir!“ klingt mir in den Ohren, also rein virtuell, denn ich habe den Satz nur sinngemäß von Klaus auf Twitter gelesen. Er kennt die Strecke. Eisenach. So nah und doch so fern. Es scheint nicht näher zu kommen.

Irgendwann habe ich es dann aber doch geschafft. Nudeln und Apfelschorle. Ich wälze die Gedanken, wo ich heute übernachten werde. I

n Eisenach habe ich eine Hotel-Empfehlung in GPS, ber eigentlich ist mir nach dem Essen nach noch ein paar Kilometern. Die nächste größere Ortschaft ist Bad Hersfeld, 60km entfernt und nicht mehr im Hellen zu erreichen.Sicherheitshalber schaue ich nach Hotels, die lang genug eine besetzte Rezeption haben, gehe aber davon aus, daß ich eher noch etwa 30km fahren werde und dann eine Herberge am Wegesrand suche.

Hinter Eisenach geht die radweit-Route zu einem guten Teil über den Werra-Radweg. Dieser ist in Teilen gut ausgebaut, auf anderen Teilen ist Schotterbelag angesagt – und auf diesem Schotter auch ein paar Rampen, die es in sich haben.

Nach einer Straßenpassage über ruhige kleine Straßen geht es dann auf den nächsten Schotterabschnitt. Nach etwa einem Kilometer drehe ich entnervt um. Das gestrige Unwetter hat in Form von tiefen Schlammpfützen und und dicken Ästen seine Spuren hinterlassen, diese Wege sind für Tourenradler unpassierbar. Ich fahre über die Alternativroute auf der Straße.

Dre Track vereinigt sich irgendwann wieder und dann geht es erst über einen gut ausgebauten Streckenabschnitt, dann kommt wieder so eine richtig tolle Überraschung: der ausgewiesene Radweg scheint urplötzlich in einer Sackgasse, umgeben von elektrischen Viehzäunen, zu enden.

Ungläubig starre ich auf das Schild 50m zuvor, das einen schmalen Single-Trail als Weiterführung des Radwegs ausweist. Schlammpfützen erwarten mich, aber ich bin tapfer, immerhin gilt es keine Äste zu überwinden. Ganz klar ist aber: Planungsicherheit für jedes Wetter bieten diese Wege nicht.

Ich entscheide mich, da fast nur noch Straßenpassagen kommen, den Schatten und den nachlassenden Wind zu nutzen und bis Bad Hersfeld durchzufahren. Als ich merke, daß die schlimmsten Anstiege kurz vor Bad Hersfeld kommen ist es zu spät für eine andere Entscheidung. Dunkelheit setzt ein, in den kleinen Dörfern sind keine Unterkünfte zu bekommen. Aber ich mag Fahrten bei Nacht und setze intensiv auf den folgenden Abfahrten mein Fernlicht ein (auf den Anstiegen mit 7 bis 8 km/h ist das reichlich unnötig). Speziell auf dem Salztalradweg kurz vor dem Ziel ist das Licht eine große Hilfe. Andererseits: ohne diese Scheinwerfer wären die Rehe vielleicht auch so vom Weg gesprungen und hätten sich nicht erst bitten lassen müssen (durch Abblenden).

Am Rande von Bad Hersfeld stelle ich gnadenlos auf Autorouting vom avisierten Hotel um und bin nach nichtmal einem Kilometer dort. Mein Rad bekommt einen sicheren, trockenen Garagenplatz, ich habe ein nettes Zimmer, morgen gibt es Frühstück und im Hause ist ein kroatisches Restaurant. Und vor der Tür eine Tankstelle, um mir noch etwas anderes als Leitungswasser mit aufs Zimmer zu nehmen. Mein brachialer Sonnenbrand fordert Tribut, auch in Form von großem Durst.

175km liegen hinter mir.

Südwest 2011: Flirting with Disaster

Dienstag, 13.09.2011

Während ich in Bad Hersfeld beim beim Frühstück sitze geht draußen ein Schauer nieder. Ein Blick aufs Regenradar sagt mir aber, daß sich das mit Ende des Frühstücks schon erledigt haben dürfte. Ich bringe noch Pfandflaschen weg, unterhalte mich kurz mit zwei anderen Radlern, dann sattle ich mein Rad und fahre im Nieselregen los.

Nach einigen Metern halte ich an und verstaue die Bauchtasche in der Ortliebrolle, ich möchte Handy und Kamera nicht mit der Feuchtigkeit meiner Umgebung konfrontieren. Einige hundert Meter weiter halte ich nochmal an und ziehe die Regenjacke über. Nach 2km halte ich an und ziehe die Regenjacke wieder aus. Einen weiteren Kilometer weiter, die Sonne kommt durch, hole ich die Bauchtasche wieder aus der Versenkung.

Über eine gute Strecke folge ich einem netten, ruhigen Radweg, dann kleinen Straßen, bis ich nach Schlitz komme. Bei einem Bäcker an der Straße mache ich eine kleine Pause mit einem Brötchen, Kakao und Apfelschorle. Während ich noch da sitze und amüsiert all die interessierten Menschen beobachte, die draußen staunend um mein Fahrrad herumgehen, kommen die beiden Radler aus dem Hotel wieder vorbei. Sie winken, fahren aber durch … und kommen nach einigen Minuten wieder. Wichtige Regel: Immer die erste Möglichkeit nehmen, wenn es auf dem Dorf schonmal was zu essen gibt.

Ich nutze die Gelegenheit, daß jemand aufs Rad aufpasst und suche die Örtlichkeit auf, dann fahre ich weiter. Ein leichtes Völlegefühl macht sich breit und wird stärker. Eigentlich habe ich nicht so übermäßig viel gegessen. Das Fahren anstrengender. In Großenlüder setze ich mich auf einen Tee in die Bäckerei des Ortes. Das Gefühl kenne ich, meine Galle meldet nsich zu Wort. Normalerweise geht das in ein paar Stunden vorbei.

Nicht so heute. Ich suche mir ein Hotel im Ort. Als Übelkeit einsetzt, suche ich einen Arzt auf. NaCl-Infusion mit Buscopan, der Bauch ist etwas verhärtet. „Wenn das schlimmer wird bis morgen: hier gibt es auch gute Chirurgen, keine Bange!“ … was für eine Ansage.

Die Nacht verbringe ich über der Kloschüssel.

Mittwoch, 14.09.2011

Erst gegen Morgen beruhigt sich mein Bauch, ich kann sogar ein Scheibchen Brot frühstücken. Ein weiterer Besuch beim Arzt bringt aber Entwarnung und es geht mir auch zuenhmend besser. Die schlaflose Nacht hat Spuren hinterlassen und ich muß erstmal meine Reserven auffüllen, also schiebe ich einen Ruhetag ein.

Südwest 2011: Noch ’n Berg, noch ’n Fluß

Donnerstag, 15.09.2011

Ich ließ den Morgen gemächlich angehen, eine ruhige Etappe sollte es ja sein nach der ungeplanten Pause. Erstmal Frühstück, dann packen, noch schnell beim Drogeriemarkt gegenüber 50er Sonnencreme kaufen. Ich will wenigstens so tun, als sei ich lernfähig. Ich frage die Wirtin vom Hirschen noch, ob denn in meine Richtung noch viele Anstiege kämen: „Nein, nur ein kleiner direkt nach dem Ort…“

Und wirklch, der Anstieg nach dem Ort ist wirklich nur ein harmloser kleiner. Danach kommen allerdings durchaus noch ein paar 10%-Anstiege und auch diverse flachere, insgesamt geht es nochmal deutlich aufwärts. Die Temperatur liegt bei 17°C, in Wäldern etwas kühler, sonst auch mal etwas wärmer. Der WInd weht mäßig, aber er weht zunächst noch. Meinen Beinen hat der Ruhetag sehr gut getan, das spüre ich, Ansonsten leide ich durchaus noch etwas an den Folgen meiner kleinen Einlage, aber es geht.

Beim rauf fahren ist es mir im Langarmshirt zu warm, sobald aber eine leicht windige Ebene oder gar eine Abfahrt kommt, habe ich fast das Gefühl zu frieren. Ich entscheide mich also dafür, den Status Quo der Bekleidung beizubehalten, es scheint ja der perfekte Mittelweg zu sein: So daß es in keiner Situation richtig ist.

Die ruhigen Wege sind sehr schön, bieten auch immer wieder grandiose Aussichten auf die Täler. Zweima allerdings scheitere ich fast an Baustellen. Bei der ersten habe ich, als ich ungeniert einfach an den Begrenzungen vorbeifahre, eine frisch asphaltierte Straße für mich allein – wenn man von den Arbeitern und Baufahrzeugen, die im wesentlichen mit den Zufahrten und der Seitenbefestigung beschäftigt waren. Bei der zweiten ist die Sache nicht so easy. Ich ignoriere zunächst wieder alle Warnschilder und denke mir: mit dem Rad kommst Du da irgendwie durch. Die Baustelle liegt in einem Ort, die Straße ist quasi weg. Die Frage, ob ich durchkäme, beantwortet ein Bauarbeiter mit einem mitleidigen Blick und: „ich würd aber nicht versuchen zu fahren…“ – ich nehme das als „ja“ und schiebe durch groben Schotter, vielleicht 200 Meter. Mein Track biegt nach rechts ab. Ich schaue nach rechts und sehe … den Dorfbach. Und eine dünne Holzplanke, wo einmal die Brücke war. Die Planke endet am anderen Ufer im Grünen, keine Möglichkeit, Fahrrad und Gepäck dort entlang zu bekommen. Ein Blick auf die Karte verrät mir aber, daß mit geringem Umweg eine weitere Brücke erreichbar sein sollte. Ist sie dann zum Glück auch. Schwein gehabt!

Nach Büdingen ändert sich die Landschaft. Es geht ins Maintal hinab. Die Anstiege haben ein Ende, aber könnte ich dieses aggrerssive Verkehsrchaos, was mich über Hanau bis Darmstadt begleitet gegen noch ein paar Höhenmeter tauschen, ich würde es sofort tun! Besonders Darmstadt fällt mir wieder auf. Schon auf der Landstraße dorthin: Huper, Drängler, 30-cm-Überholer. Die Stadt selbst rangiert bei mir unter Fahrradfeindlichste Stadt Deutschlands. Die Verkehrsführung mörderisch, die Straßen eng und das Pflaster so schlecht, daß man sich nach Berlin wünscht – und das will was heißen.

Nach Darmstadt geht es zum Glück ersteinmal weiter über einen, wenn auch nicht asphaltierten, aber gut fahrebaren Waldweg nach Pfungstadt. Eigentlich wollte ich mir hier eine Bleibe für die Nacht suchen, aber ich sehe auf dem Weg durch die Stadt nichts passendes und bevor ich mich noch an eine Straßenecke stelle und suche, bin ich auch schon wieder raus.

Klaus hatte mir angeboten, den hier abzweigenden Radweit-Track via Heidelberg nach Karlsruhe zukommen zu lassen, aber es läuft so gut und ich verpasse den Absprung, finde mich unversehens in Gernsheim wieder – ich hatte völlig verdrängt, wie dicht das schon an Pfungstadt war. In Gernsheim sehe ich auch keine passende Unterkunft, dafür aber, daß die Fähre abfahrbereit dasteht – also schnell noch drauf.

Hinter der Fähre kommt als nächster Ort Hamm. Meine Bett & Bike POI im GPS weisen eine Pension in Hamm am Rhein, nur drei bis vier km nach der Fähre aus. Ich beschließe, auf gut Glück dort hinzufahren, es ist gegen 19 Uhr. Und ich habe Glück, ein Zimmer ist frei in der Pension Linde!

Das Zimmer ist indviduell und liebevoll eingerichtet, nicht so ein unpersönlicher Hotel-Einheits-Stil. Ich fühle mich wohl. Nach einem Besuch beim örtlichen Italiener bekomme ich sogar noch alles für Apfelschorle in der Pension: Richtiges Mineralwasser (kein Tafelwasser) und naturtrüben 100% Direktsaft. So mag ich das. Dickes Lob!

Gefahren: Ungefähr 150km.

Südwest 2011: Auf nach Karlsruhe

Freitag, 16.09.2011

Ich wache auf, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Da mich nur etwas mehr als 100km erwarten, gehe ich den Tag ruhig an. Erstmal ein gemütliches Frühstück, langsam die Sachen packen, nach einem kleinen Plausch mit der portugiesischen Dame von der Pension setze ich mich auf die Speedmache und folge dem Rheinradweg flußaufwärts in Richtung Süden.Das GPS habe ich mir vor allem für die Ortsdurchfahrten programmiert und wegen der netten Restkilometeranzeige. Jedenfalls für den ersten Teil der Strecke.

Auf irgendeiner der Ortsdurchfahrten verliere ich in diversen Baustellen die Radroutenbeschuilderung aus den Augen und folge fortan meiner Route auf großenteils ruhigen Landstraßen oder begleitenden Radwegen, die hier oft sehr großzügig gehalten sind.

Zum Teil kenne ich den Weg noch von meiner Fahrt zur Spezi im Frühjahr. Meine Essenspause habe ich für Germersheim angesetzt und so pausiere ich für einen Zwieback- und Bananensnack auf einem Feld, wo allerdings irgendwann eine größere Gruppe osteuropäischer Erntehelfer eintrifft, so daß es mit der Ruhe vorbei ist und ich weiterziehe.

In Germersheim esse ich Flammkuchen und trinke Bitter Lemon dazu, der Ort fühlt sich ohne die Spezialradmesse ungewohnt und leer an. Für die Weiterfahrt habe ich mir im wesentlichen die Route vom Frühjahr hergenommen, allerdings wird der Weg irgendwann durch eine fehlende Brücke und eine recht weiträumige Umfahrung gestört. Erst an der Rheinfähre Leimersheim stoße ich wieder auf meine Originalroute. Da ich diese allerdings in diesem Jahr schon einmal gefahren bin und ich mich an eine Menge Kurverei vor der Brücke bei Wört erinnere, beschließe ich diesmal dem Schild „Karlsruhe“ zu folgen und die Fähre zu nehmen.

Der adweg auf der anderen Seite führt zunächst kreuz und quer, mal mehr mal weniger gut beschildert durch die Gegend. Erst mit Nachfragen bei ortskundigen Radlern kann ich ermitteln, daß ich noch auf der richtigen Strecke bin. Ich schließe mich ein paar anderen Tourenradlern von der Fähre an und fahre so bis an den Stadtrand von Karlsruhe. Leichtes Tröpfeln und ein paar dunkle Wolken deuten eine Wetteränderung an. Regen, der den EInsatz passender KLeidung bedingen würde, setzt allerdings nicht ein. Trotzdem gebe ich am Ende etwas Gas und lasse mich per Autorouting auf direktem Wege zu meinem Ziel lotsen.

Ich werde schon erwartet, kriege etwas zu trinken, kann duschen, meine Sachen waschen und dann gibt es noch ein wudnerbares thailändisches Essen, bevor der Abend bei gemeinsamen Geschichten rund ums Liegeradfahren ruhig ausklingt. Mehrere Gäste sind schon da, die am nächsten Tag zum Karlsruher Schloßparktreffen wollen.

Südwest 2011: Schloßparktreffen Karlsruhe

Samstag, 17.09.2011

Langsames Aufwachen, ein gemeinsames Frühstück, ein warmer Tag. Da ich meine weitere Route noch nicht detailliert geplant habe, nutze ich die Gelegenheit, daß ich an einem Tisch mit erfahrenen Radlern aus dieser Gegend sitze und so ist relativ schnell der Weg bis Mulhouse und darüber hinaus geplant. Den Ruhetag inklusive WLAN und Strom muß ich natürlich ausnutzen!

Gegen frühen Mittag fahren wir in einer kleinen Liegeradkolonne in Richtung Karlsruher Innenstadt, nehmen einen kleinen Snack und fahren dann weiter in den Schloßpark (nicht ohne Zwischenstop bei einer Eisdiele), wo nach und nach mehr Liegeradler (und Triker und Tandemfahrer und Normalradler…) eintreffen. Es wird geschaut, inspiziert, gefachsimpelt und Smalltalk gehalten. Wir drehen eine Runde als großer Spezialradkorso … bis am frühen Nachmittag dunkle Gewitterwolken und ein leichter (aber warmer) Regen das Ende des Treffens einläuten.

Südwest 2011: Der nächste Abschnitt

Sonntag, 18.09.2011

Als ich aufwache prasselt Regen an die Dachfenster. Ich versuche dies eine Weile zu ignorieren, bevor ich mich aufraffe und das Wetterradar anschaue. Das Regengebiet zieht von West nach Ost durch, eine Zeit wird es noch erhalten bleiben, dahinter sieht es besser aus. Also kein Stress: Ich brauche die anderen nicht zu wecken, warte bis alle von selbst aufwachen. Eine Dusche gönne ich mir noch, dann geht es zum gemeinsamen Frühstück, das wir ausdehnen, bis es aufhört zu regnen.

Martin hat angekündigt, mich noch zu begleiten. Da es kühl, grau und noch immer sehr feucht draußen ist, frageich ihn, ob er das denn immernoch will und er bejaht. So machen wir uns fertig und auch der Rest der Liegeradler bereitet sich langsam auf die Heimfahrt vor. So komme ich noch zu einem größeren Geleit auf den ersten Metern in Richtung Rheinfähre, bevor Martin und ich allein weiterfahren. Wir haben Hannos Wegbeschreibung wohl beide nicht sonderlich gut zugehört und verfransen uns kurz, finden dann aber dank Ortskenntnis von Martin und meinem Garmin doch recht zügig den Weg zur Fähre.

Leichter Nieselregen trübt das Vergnügen noch, doch der Himmel wird langsam heller. Nach dem Übersetzen auf die andere Rheinseite sind im nächsten Ort die Schilder bereits in französisch – ich habe die Grenze übertreten, es beginnt gefühlt der zweite Teil der Tour: Nächstes Zwischenziel ist das Mittelmeer!

Der Regen hört endgültig auf, die Temperatur klettert von 13°C auf 15°C. Wir fahren auf einem hervorragenden Radweg, der nebenbei auch perfekt ausgeschildert ist, entlang des Rheins in Richtung Strasbourg. Da der Weg über weite Teile hinter dem Rheindeich verläuft, der hier teilweise eine beachtliche Höhe hat, bietet er landschaftlich nicht so viel Abwechslung, wir freuen uns über die Bäume, die den Gegenwind etwas mildern und unterhalten uns neben der Fahrt über unsere diversen Liegeraderlebnisse. Einige Kilometer vor Strasbourg kehren wir ein, um unsere Energiereserven aufzufüllen. Das Wort für Kartoffelpuffer kann ich leider nicht mehr wiedergeben („Gumberbeerenkiechle“ oder so ähnlich?), es scheint mir aber, als müßte ich mir dieses für den Rest von Frankreich nicht unbedingt merken.

Von Strasbourg sehe ich nicht viel, ich kann einen flüchtigen Blick aufs Europaparlament erhaschen, streife die Innenstadt, mehr Sightseeing verschiebe ich aber auf eine andere Tour. So geht es an den Rhein-Rhone-Kanal, neben dem über die kommenden Kilometer ein wunderbarer Radweg verläuft. Es geht ziemlich gerade durch die Landschaft, an jeder Staustufe geht auf der Radweg eine kurze Rampe hinauf, ansonsten ist es flach. Im Osten läßt sich ab und zu ein Blick auf die Berge des Schwarzwalds am Horizont erhaschen, auch im Westen tauchen in einiger Entfernung ein paar Berge im Dunst am Horizont auf.

In Krafft verläßt mich Martin, der von hier auch noch ein paar Kilometer nach Hause vor sich hat. Ich fahre noch ein kleines Stück weiter am Kanal entlang, bis der Radweg endet und ich mit einer kurzen Ostpassage auf die D468 gelange, der ich ab sofort weiter nach Süden folge. Zuerst ist mein Gedanke: „Mist, Straße“, doch das ändert sich nach kurzer Zeit. Die französischen Autofahrer lerne ich als rücksichtsvoll kennen, es wird in gutem Abstand und durchweg an übersichtlichen Stellen überholt. Kein Hupen, gerne aber ein Winken oder grüßen im Vorbeifahren. Die Landschaft ändert sich, die Sonne bricht durch die Wolken und gibt spektakuläre Blicke bei herrlichem Licht frei. Ich vergesse fast, daß ich mir noch eine Unterkunft suchen muß, bis die Sonne hinter den Bergen verschwindet.

Beim nächsten Schild „Chambre – Zimmer – Rooms“ halte ich an, doch ist hier nichts frei. „Fahren Sie nach Marckolsheim“, rät mir die ältere Dame, „dort finden Sie etwas. Es sind noch 10 Kilometer.“ Also geht es weiter. Ich verdrücke meine letzten Müsliriegel, denn ich habe meine Energie langsam verfahren, und hoffe, daß sie recht hat. Die 10km scheinen sich lang hinzuziehen.

Endlich komme ich in Marckolsheim an und finde auch dort alsbald ein Schild, das „Chambre“ feilbietet. Ich folge, klingle und bekomme ein geräumiges Zimmer und einen abgeschlossenen Garagenstellplatz für mein Rad, der zudem den Vorteil hat, daß meine Sitzpolster am nächsten Morgen sicher nach frischen Äpfeln duften…

Im Ort bekomme ich um diese Uhrzeit – kurz vor 20 Uhr – noch etwas zu essen („Beeilen Sie sich aber, duschen Sie hinterher!“ – „Die armen anderen Gäste!“ – „Die sollen ihre Nasen in ihre Suppe stecken!“). Nach der Rückkehr mache ich mich frisch und bettfertig und beschäftige mich noch ein wenig mit meiner Technik, um auch in den kommenden Tagen weiter hier berichten zu können.

Auf dem Tacho stehen 137 Kilometer.

Südwest 2011: Die Sonne lacht

Dienstag, 20.09.2011

Nicht allzu früh lasse ich den Tag beginnen, aber natürlich gibt es nur begrenzte Zeit Frühstück und irgendwann muß ich mein Zimmer räumen. Ich lasse mir Zeit beim Frühstücken, es gibt ein gutes Sortiment (für französische Verhältnisse). Als ich loskomme ist es fast 11 Uhr. Aber was soll’s, ich will ja nur 60 oder 80 Kilometer heute schaffen, der letzte Tag war hart genug.

Die Sonne scheint, es ist kühl, vor allem im Schatten, aber sobald die Sonnen einen trifft wird es angenehm warm. Ich entscheide mich, nicht die Schleife durch Besancon zuende zu fahren, sondern auf wieder zu dem Punkt, wo ich gestern aus der Schleife abbog und dann neben dem Kanal durch den Tunnel unter der Stadt hindurch. Heute endlich kann ich die atemberaubende Landschaft im Hellen genießen, die mir gestern entgangen ist. Gemütlich rolle ich, mache ab und zu Fotopause, betrachte die Gegend. An einem Kanaltunnel, durch den der Radweg leider nicht führt, ist ein „Wasservorhang“, vermutlich, damit keine Vögel oder Fledermäuse den Tunnel bevölkern. Als ich diesen Zustand gerade laut mit mir selbst redend kommentiere, entdecke ich neben mir – gut getarnt – eine Gruppe von ca. 25 Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, die den vor sich hin erzählenden Deutschen auf dem seltsamen Fahrrad vermutlich irgendwie in „Freund/Feind/WTF“ einzuordnen versuchen. Keiner schießt, ich bin beruhigt.

Ich muß kurz über den Felsen, unter dem der Kanal hindurchgeht, dann wieder weiter neben dem Wasser und ohne Steigungen (oder Gefälle). Neben mir taucht dann einer der diversen Rastplätze auf, dieser ist bevölkert mit einer Gruppe Tourenradler. Ich geselle mich dazu. Es sind Australier, die (Stück für Stück, jedes Jahr ein bischen) Europa per Fahrrad vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer durchqueren wollen. Wir unterhalten uns gut und ich kriege vom reichhaltigen Picknick genügend ab, um mir ein Abbiegen in die kommenden Orte zu ersparen, das meist eher ernüchternd endet. Ich habe bereits gelernt, daß es im Französischen sehr viele Wörter für „geschlossenes Geschäft“ gibt: Boulangerie, Patisserie, Bar, Restaurant, Café, Alimentaire Generale. Geöffnete Geschäfte sind oft mit „Kebab“ oder „Chez Alibaba“ bezeichnet, aber auch die haben am frühen Nachmittag oft nichts mehr, da sie spätestens um 16 Uhr, meist früher schließen. Supermärkte kenne ich nur von Hinweisschildern, die „10 min“ (per Auto, auf stark befahrenen Kraftfahrstraßen) ankündigen.

Der nächste Stop ist Dole, die Geburtsstadt von Louis Pasteur. Von den doversen Cafés kann man mir am Ende eines nennen, das jetzt am frühen Nachmittag etwas anderes als Kaffee oder Eis bietet. Ich verdrücke ein Sandwich. Mittagszeit ist vorbei und der frühe Abend (ab 20 Uhr spätestens 21 Uhr ist nämlich auch wieder alles zu) ist noch nicht da. Ich beginne mich zu wundern, warum es in Frankreich eigentlich nicht Millionen von Hungertoten gibt. Offenbar gibt es irgendeinen Trick. Vermutlich hat er etwas mit Autos, Kraftfahrstraßen und 10 Minuten zu tun.

Hinter Dole fällt mir zunächst auf, daß die Landschaft flacher wird, weitläufiger. Kanal und Fluß vereinigen sich streckenweise. Und der Asphalt wird schlechter, dennoch weiterhin gut fahrbar, wenn auch zeitweise etwas bremsend. Orte kommen erstmal keine mehr. Dann, plötzlich, endet der Kanal an der Saone. Ein kurzes Stück guter Radweg, dann wird es wieder schlechter, auch die Ausschilderung lässt nach, auf einem Stück erwartet mich sogar Schotter. Ich schlage mich irgendwie bis Seurre durch, wo ich einen offenen Supermarkt finde, bei dem ich mich versorge. Ab hier bevorzuge ich die Landstraße, noch 40 Kilometer bis Chalon sur Saone. Ich bin weiter als geplant gefahren, aber Chalon ist groß und wird auch später am Abend eine Möglichkeit bieten.

Auf dem Weg fällt mir ein Ort namens Verdun s/l Doubs. Ich bin irritiert. Ich hatte das ganz woanders eingeordnet. Und liege auch richtig damit, wie mir kurz danach über Twitter versichert wird, das Verdun mit der Schlacht liegt natürlich völlig woanders. Hier treffe ich zwei Deutsche, auf dem Weg nach Lyon. Von dort wollen sie für ihre Rückreise „dann noch schnell nach Genf“ radeln. Ich bin mir nicht ganz so sicher, ob ihrer Einschätzung, daß sie da keine bedeutenden Höhenmeter erwarten…

Auf den letzten 20km nach Chalon s/ Saone fällt mir auf, daß die Orte belebter sind, das Mediterrane bilde ich mir sicher aufgrund des guten Wetters ein. Aber Hotel, Auberge, Pension, Chambre suche ich vergebens. Also durch nach Chalon s/ Saone. Dort sind die meisten Sachen voll, aber dank HRS finde ich dann doch ein Plätzchen, leicht abseits. Aber warm, trocken und mit Abendessen.

Auf dem Tacho stehen 149km.

Südwest 2011: Mediterrane Einflüsse

Mittwoch. 21.09.2011

Schon morgens scheint die Sonne. Ein vorsichtiges Öffnen des Fensters verrät: Es ist kühl draußen. Aber freundlich und trocken, also alles in bester Ordnung. Ich packe meine Sachen, dann schlendere ich zum Frühstück, das für französische Verhältnisse erstaunlich vielfältig ausfällt. Wurst, Käse, Müsli … und Eier. Über deren kühle Temperatur wundere ich mich noch, beim Öffnen dann die Erkenntnis: Die Pfännchen auf der Kochplatte ein kleines Stück neben den Eiern hatten ihren Sinn. Die Dinger sind roh…

Gegen halb zeh n steht die Speedmachine bepackt vor dem Hotel und es kann losgehen. Das Garmin berechnet mir den Weg zum Eingang des Bahnradwegs, der mich heute für einige Kilometer begleiten soll, nach einer kurzen Fahrt, bei der ich nocheinmal Chalon sur Saone streife, biege ich nach links auf den besagten Radweg ab.

Guter Asphalt erwartet mich und die für Bahnradwege typische Streckenführung: Weiter Kurven, lange, gerade Streckenabschnitte und eine nivellierte Route. Zwei Dinge fallen mir, verwöhnt vom EV6, allerdings auf: Viele Straßenüberquerungen, vor denen die Fahrt ständig mit engen Drängelgittern gebremst wird und ein ständiges leichtes (maximal 1%) auf und ab. Der Weg verläuft oft zwischen Bäumen oder gar in einem Graben, so daß über einige Streckenabschnitte wenig von der umliegenden Landschaft zu sehen ist. Im Gegenzug bietet er allerdings Beschilderungen zu allerlei Orten am Wegesrand und auch die Durchfahrten durch die ehemaligen Bahnhöfe sind sehr reinzvoll. Immer wieder treffe ich andere Radler, neben einigen Rennradlern sind hier aber vorwiegend Familien unterwegs, ab und zu auch mal Radwanderer.

Und so begegnet mir, bei einer Fotopause von hinten aufkommend, auch irgendwann Antoine, der auf einem Stahlrandonneur unterwegs ist. Wir können uns bestens auf englisch unterhalten und beschließen, zusammen zu fahren. Antoine will nach Macon, wo der Bahnradweg ohnehin endet, ich will noch ein paar Kilometer darüber hinaus. Bei einer Pause versorgt mich Antoine zudem aus seinem reichhaltigen Picknick-Angebot, da ich kurz zuvor gerade mal wieder an einer geschlossenen Terrasse gescheitert war (öffnet erst um 15 Uhr, aber ohnehin nicht am Mittwoch … erfährt man, nachdem man dem Aufsteller am Wegesrand gefolgt ist).

Ab irgendeinem Punkt folgt der Weg wohl nicht mehr der Original-Bahnroute, des es kommen enge Kurven und immer wieder Stücke mit Steigungen, die es in sich haben. Neben Autobahn und neuer Bahntrasse, auf der die TGVs mit hoher Geschwindigkeit vorbeirauschen, geht es durch Gärten und Weinbaugebiete. Nicht nur das zunehmend warme Wetter, sondern auch die Bauweise der Häuser, der Flair der Orte wird langsamer mediterran.

Wir durchqueren einen langen Tunnel, dann sind wir auch bald vor kurz vor Macon. Der Bahnradweg geht offenbar weiter, allerdings nicht asphaltiert. Da Antoine mit seinen dünnen Reifen dort nicht fahren will, begleite ich ihn (entgegen meiner ursprünglichen Routenplanung) auf kleinen Straßen nach Macon. Er verbingt dort seinen Nachmittag, bevor er abends privat ein kleines Stück weiter unterkommt, ich biege auf die D-Straße in Richtung Süden ab.

Die parallel laufende Autobahn schluckt eine Menge Verkehr, sie ist aber weit genug weg, um nicht mehr wahrnehmbar zu sein. Bei Villefranche wechsle ich wieder auf die Westseite der Saone – und befinde mich plötzlich im dichten Stadtverkehr. Der Raum Lyon wirft seine Schatten voraus. Von der Zeit her reicht es heute nicht mehr, um sich noch an Lyon vorbeizuschmuggeln und so beschließe ich, demnächst die Augen nach einem Hotel offen zu halten. In Qincieux werde ich schließlich fündig. Ich komme zwar nicht unbedingt billig unter, aber das Hotel Tante Yvonne bietet gleichzeitig ein hervorragendes Restaurant. So beschließe ich meinen Abend mit allerbester französischer Küche.