Tourauftakt

Nach der Pause im letzten Jahr sollte 2018 endlich wieder die Chance auf eine Tour in meinem Lieblingsradreisemonat September bringen. Und da nach SPEZI-Tour und radlosem Interrail im Sommer durchaus noch ein paar Tage über waren, blieb Platz für eine Tourplanung, wie ich sie im letzten Jahr schon im Sinn hatte: eine Strecke, die eigentlich (für mich) nicht zu schaffen ist. Eine Grenzerfahrung. Schauen, wie weit es geht. Nur fahren, sonst nichts.

Speedmaschine in Reisekonfiguration
Speedmaschine in Reisekonfiguration

Und so ist schon der Start in die Tour entsprechend angelegt. Anstatt Samstag morgen loszufahren, habe ich mich entschieden am Freitag Nachmittag nach HomeOffice und Mittagessen zumindest den ersten Schritt zu machen: raus aus der Stadt. Das heißt also mindestens den Berliner Ring hinter mir lassen. Sonst ist es gefühlt nicht „draussen“. Hierfür suche ich mir dann allerdings schon eine Unterkunft vorher heraus und werde in Bad Belzig fündig, das sind etwa 80km.

Bad Belzig am Abend
Bad Belzig am Abend

Um kurz nach 15 Uhr geht es also los. Zuerst fahre ich mit Susanne noch Clara an der Schule in Dahlem aufsammeln, von dort biege ich dann auf meine geplante Route ein. Mir steckt die Müdigkeit und der Stress der letzten Tage in den Knochen, aber es geht bei schönem Wetter trotzdem gut voran. Raus geht es über Potsdam, Schwielowsee und den R1, ich folge meiner bekannten Germersheim-Strecke zum einfahren.

In Brück verlasse ich allerdings den geplanten Track und fahre doch über die offizielle Radroute, Freitag Abend ist die Strasse doch etwas voller mit gestressten Autofahrern, ich wähle ob meiner relativ kurzen Distanz heute den etwas anstrengenderen, aber autoarmen Weg. Von den Kilometern nimmt es sich nichts, denn auch auf der geplanten Strecke ist eine Baustellenumfahrung nötig.

So komme ich um 19 Uhr in Bad Belzig an, beziehe mein Zimmerchen und kann in der Altstadt noch essen gehen. Dennoch geht es früh ins Bett. Der Plan für morgen sieht ein paar Kilometer mehr vor, einen Wecker stelle ich dennoch nicht. Fit sein ist die oberste Prämisse.

Bad Belzig – Heldrungen

Obwohl ich einige Kilometer vor mir hatte, entschied ich mich, nachdem ich mich abends ganz schön platt gefühlt hatte für einen Morgen ohne Wecker. Dennoch war ich, wohl auch, weil ich früh schlafen gegangen war, um kurz nach sieben Uhr wach.

Brücke über die Saale
Brücke über die Saale

Der Vorteil am Reisen mit kleinem Gepäck ist die kurze Packzeit – und da meine Tasche auch alles andere als voll ist, ist das Packen auch recht unkompliziert. Nach dem Aufbruch war das primäre Problem, ein Frühstück zu organisieren. In Bad Belzig gab es nur eine Bäckerei mit begrenzter Auswahl und so entschloss ich mich, die zehn Kilometer bis Wiesenburg nach einer Hälfte des Frühstücks zu fahren und dort im Supermarkt nicht nur Saft, sondern auch ein paar süße Croissants zu kaufen.

Weiter ging es angenehm zügig bis Dessau, wo ich mich kurz verfranste, etwas, was mich ubtypischerweise durch den Tag begleitete. Baustellen, Unaufmerksamkeiten. Naja, passiert. Bis Halle reichte mein Frühstück jedenfalls und dort plante ich ein Mittagessen an Bord des bewährten Restaurantschiffs ein. Dort versuchte ich angesichts der überschaubaren Restdistanz von ca. 70km auch eine Übernachtung in der Jugendherberge Wasserburg Heldrungen zu bekommen. Da diese aber mit einer 200-Personen-Gruppe restlos belegt war, suchte ich eine andere Unterkunft und wurde in Heldrungen auch fündig. Damit war das Tagesziel klar.

Leere Strasse
Leere Strasse

Nachdem ich das Hallesche Baustellenchaos hinter mich gebracht hatte, überraschte mich mal wieder die Tatsache, dass zwischen mir und meinem Ziel Querfurt und die Himmelsscheibe von Nebra (naja, in Form eines Anstiegs) liegen. Den wollte ich mir am Leimbacher Gasthof versüßen, der allerdings heute wegen Krankheit geschlossen hatte. Also ging es so weiter.

Hinter dem Anstieg wird man nicht nur mit einer schönen Abfahrt belohnt, sondern bald auch mit den ersten Blicken auf den Kyffhäuser. Fotografieren ist und bleibt aber schwierig.

Vom Unstrutradweg nahm ich zwischen Artern und Reinsdorf eine Abkürzung. Bei der Einfahrt nach Reinsdorf traf ich zufällig meinen Retter von 2011, den ich ja im Frühjahr bereits kurz besucht hatte. Nach einer kurzen Rast fuhr ich auf dem Radweg die letzten zehn Kilometer nach Heldrungen und bezog mein Zimmer.

Frühstück am Sonntag morgen wird ein spannendes Thema, ein Abendessen fand ich aber zumindest noch. Dort traf ich Ludwig, auch mit dem Rad auf Tour. Das gab ein nettes Fachsimpeln am Abend.

Heldrungen – Bad Hersfeld

Morgens drohte schon ein dünner grauer Schleier am Horizont. Dennoch liess ich mir etwas Zeit. Da es in der Pension kein Frühstück gab, machte ich mich zu Fuß zur nahen Tankstelle auf, wo ich mich versorgen konnte. Anschließend ging es Back on track.

Windräder von der korrekten Seite
Windräder von der korrekten Seite

Der Wind hatte etwas aufgefrischt, aber er kam aus nordöstlichen Richtungen, so dass ich uber weite strecken Rückenwind geniessen konnte. Ich bog auf den Unstrut-Radweg ein und konnte fernab des Autoverkehrs fahren. Bis auf kurze Abschnitte ist der Weg gut aspahltiert, allerdings oft schmal, so dass Gegenverkehr oder Überholen zum Balanceakt werden können. Heute war aber so gut wie nichts los.

Bis Eisenach war die Fahrt recht ruhig und ereignislos. Ich kam gut voran, aber freute mich nach gut 90km auf eine Mahlzeit. Pünktlich zur Einkehr am Flughafen Kindel bei Eisenach (normal komme ich hier einen Tag später durch … Montag Ruhetag – heute am Sonntag also Glück!) begann ein leichter Nieselregen. Ich deckte das Rad ab und nahm innen Platz. Laut Regenradar sollte das Gebiet durchziehen oder erst gar nicht da sein. Nieselregen aber sieht das Radar nicht gut.

Graue Nieselschleier
Graue Nieselschleier

Und so verlängerte sich mein Aufenthalt. Nachdem es sich aber einnieselte entschied ich mich zur Weiterfahrt. Erstmal nördlich an Eisenach vorbei, dann wollte ich entscheiden, ob ich weiter fahre. Meine neue Regenjacke versah ihren Dienst und ich kehrte Eisenach den Rücken. Ab hier wird’s ja auch etwas hügelig. Ich wollte einfach fahren, bis ich keine Lust mehr hatte, vielleicht bis Bad Hersfeld.

Einen Durchhänger besiegte ich in Gerstungen mit Tee und Kuchen. Bald schon kamen die Anstiege, aber sobald man Motzfeld erreicht hat geht es ja fast nur noch bergab bis Bad Hersfeld. Also reservierte ich mir ein Zimmer und kam nach rund 165km immerhin noch mit einem 23er Nettoschnitt an. Brutto 16,5km/h waren den langen Gastronomie-Pausen geschuldet. Auf den 75km ab Flugplatz Kindel begleitete mich der Nieselregen in wechselnder Stärke.

Bad Hersfeld – Bad Homburg

Schon beim Blick auf das Wetter für den heutigen Tag beim Frühstück war klar: trocken komme ich nicht an. Aber macht ja nichts, ich hab ja gute Regenkleidung. Damit bleibt man zwar auch nicht trocken, spätestens im nächsten Anstieg, aber man bleibt zumindest warm.

Regenwolken hängen über der Landschaft
Regenwolken hängen über der Landschaft

Der Weg vom Hotel in Bad Hersfeld zurück zum Fuldatal Radweg war einfach und leicht zu finden. Das Wetter war grau, Nebel hing in den Hügeln, aber dennoch blieb es zunächst trocken. Und da ich im Gegensatz zu sonst mit Bad Hersfeld einen um eine halbe Etappe versetzten Startpunkt am Morgen hatte konnte ich dem Weg auch entspannt folgen – ohne immer wieder in Orte abzubiegen und Essen zu suchen.

Bald stand dann schon der erste kleine Anstieg an. Oben angekommen grüßte der Flugplatz Lauterbach, der allerdings am Montag Vormittag verwaist war. Dafür passierte das, was schon beim letzten Flugplatz passierte: Regen setzte ein. Ich fuhr zunächst nach Maar, wo ich in einer Bushaltestelle die Regenjacke überstreifte, dann weiter nach Lauterbach. Dort setzte ich mich in ein Café, bis der Schauer vorüber gezogen war. Zwischendurch lud ich einen geänderten Track ins Navi, denn die Hotelpreise in Frankfurt zwangen mich zum Umdisponieren und ich nahm die Möglichkeit einer privaten Unterkunft in Bad Homburg an.

Weiter ging es dann auf dem Vulkanbahnradweg. Zunächst ohne weiteren Regen, der setzte erst nach dem Abbiegen auf den Anstieg in Richtung Hoherodskopf wieder ein. Mit zunehmender Höhe wechselte es von Nieselregen zu Wolken. Technisch unterschiedlich bedeutet beides letztlich für den Radfahrer Nässe, die sich überall reinzieht. Besonders im Anstieg mit Regenjacke.

Rhein/Weser Wasserscheide
Rhein/Weser Wasserscheide

Oben auf dem Hoherodskopf machte ich Pause im Restaurant. Dank eingeschalteter Heizung konnte ich mich zumindest teilweise trocken legen. Eine Suppe diente als Stärkung.

Runter ging es dann im Eiltempo mit 10% Gefälle auf nasser Strasse in Richtung Niddastausee. Dieser war allerdings relativ leer, Kühe weideten, wo sonst Metertief das Wasser steht. An der Talsperre wurde gebaut, so dass ich einen kleinen Umweg mit Schotter in Kauf nehmen musste, allerdings nur kurz.

Der Weg durch das Niddatal war ruhig und hielt noch öfter ein leichtes Gefälle bereit, angenehm nach den vorangegangenen Steigungen. Die Idee über die Strasse abzukürzen verwarf ich wegen des Montag-Nachmittag-Verkehrs recht schnell wieder.

Irgendwann verliess ich den Radweg dann aber in Richtung Bad Homburg. Knappe 140km und gut 1100hm lagen am Ende hinter mir.

Kurze Unterbrechung: Berlin

Am Abend, als ich Bad Homburg erreichte, begann ich meine linke Achillessehne zu spüren. Eigentlich war ich gut trainiert in die Tour gegangen, auch die Schuhe sind erprobt. Natürlich waren die Etappen lang, die letzte hatte auch einiges an Steigungen zu biegen, vielleicht hatte ich auch meine Dehnübungen vernachlässigt. Egal wie, ich kenne das Problem und reagiere auf die leichtesten Anzeichen entsprechend sensibel.

Perspektivwechsel ... Nähe Gerstungen
Perspektivwechsel … Nähe Gerstungen

Da auch am kommenden Morgen noch immer ein leichtes Ziehen zu spüren war, entschied ich mich, nach Berlin zu fahren und der Sehne Ruhe zu gönnen. Glücklicherweise konnte ich meinen Urlaub unterbrechen bzw. verschieben. So geht die Tour dann erst Mitte September weiter. Die Hoffnung ist, dass ich mir dennoch kein Wetterproblem dadurch beschere. Andererseits entzerrt der zweite Ansatz ab Bad Homburg (wo ich das Rad stehen lassen konnte) auch die Tourplanung, ich kann mit kürzeren Etappen fahren bzw. nach hinten etwas mehr Puffer rausfahren.

Bad Homburg – Bellheim

Nach einer Unterbrechung von eineinhalb Wochen kehrte ich am Freitag per Bahn nach Bad Homburg zurück, wo ich am Montag der Vorwoche mein Rad gelassen hatte. Am Samstag Morgen ging es dann wieder los.

Frankfurter Skyline am Morgen
Frankfurter Skyline am Morgen

Da zwar die Achillessehne wieder OK war, ich aber zwischenzeitlich noch mit einer Erkältung zu kämpfen hatte, deren Reste noch zu spüren waren, freute ich mich auf eine flache Etappe. Durch den Neustart hatte sich die rechnerische Distanz der Etappen auf einen Schnitt unter 120km verkürzt oder aber es bot sich die Möglichkeit für Ruhetage oder eine frühere Ankunft (und damit bessere Optionen für den Rückweg). Somit war ich auf eine kurze Etappe eingestellt.

Ich trat nur mäßig in die Pedale, es ging dennoch gut voran, besser als erwartet. Aus Bad Homburg runter zum Main konnte ich am Samstag Morgen einen relativ direkten Weg wählen. So sah ich nur kurz die Nidda wieder, bevor ich den Main auch schon mit der Fähre überquerte. Nach einer kurzen Fahrt am Mainufer (und um ein paar Baustellen herum) ging es zum Flughafen. Eine obligatorische Pause mit Schokolade und Schorle am Spotterpunkt durfte nicht fehlen.

Allee bei Groß-Gerau
Allee bei Groß-Gerau

In Groß-Gerau besorgte ich in der Apotheke noch ein kleines Reiseutensil und gönnte mir eine Pause beim Bäcker. Anschließend ging es wie im Flug weiter bis zur Rheinfähre in Gernsheim.

Auf der anderen Flussseite fuhr ich dann in Richtung Süden, kam durch Worms, ass eine Suppe in Frankenthal und streifte Speyer. Die Überlegung, eine Unterkunft in Germersheim zu finden wurde durch geringe Verfügbarkeit und hohe Preise zunichte gemacht, aber in Bellheim fahr sich etwas passables.

Rheinfähre Gernsheim
Rheinfähre Gernsheim

Auf den letzten 10km merkte ich, dass die Mittagssuppe kaum noch reichte und so kam ich ziemlich leer in Bellheim an. Duschen, Dehnen, kurz ruhen … Dann endlich etwas essen. Und schon war der Tag nach gut 145km, aber kaum nennenswerten Höhenmetern vorbei.

Im Höhendiagramm sieht man (mangels echter Berge) dann aber, wie es rheinaufwärts langsam ansteigt. Unterwegs fällt das kaum auf, in der Energiebilanz dann aber vermutlich schon.

Bellheim – Vogtsburg am Kaiserstuhl

Beim Frühstück langte ich zu. Ich ging davon aus, das letzte deutsche Frühstücksbuffet auf dieser Tour zu sehen und außerdem stand mir durchaus ein langer Ritt bevor.

Leere Straße, kleines Dorf
Leere Straße, kleines Dorf

Der Plan sah vor, von Bellheim am Sonntag Morgen auf der wenig befahrenen Landstraße in Richtung Süden bis Neuburg am Rhein zu fahren und dort wieder auf den Track zu stoßen. Die Straße war auch nicht befahren, denn gleich hinter dem Ortsausgang von Bellheim war eine Baustelle. Doch zum Glück war eine Umleitung für Radfahrer ausgeschildert, die ich auch erfolgreich nutzen konnte – und so leitete mich mein Navi auf einem guten Weg bis zum Rhein südlich von Wörth am Rhein.

Dort begann für mich dann auch wieder bekanntes Terrain – die Strecke war ich ja mehr als einmal gefahren. Zuletzt im Frühjahr, wenn auch erst eine Fähre weiter südlich. Das Gelände ist flach, es geht am Fluss entlang. Die Wege sind autofrei oder zumindest autoarm. Über mir eine strahlend blauer Himmel. Perfektes Tourenwetter, nicht zu warm, nicht zu kalt.

Der Rhein-Radweg in Frankreich
Der Rhein-Radweg in Frankreich

Die zweite Überraschung erwartete mich an der Schleuse Gambsheim. Ich rollte vom Deich hinunter … und stand vor einem Tor. Dort, wo ich sonst entlang fahre, ist jetzt Route barré. Irgendwas, was ich mit meinem mageren französisch entziffern kann, empfiehlt mir am Rheinufer zu fahren. Das Rheinufer ist oben auf dem Deich. Ich ignoriere tapfer das Verbotsschild für Radfahrer und befinde mich auf einem mäßig gut fahrbaren Schotterweg.

Weiter unten kann ich Schilder erkennen, die auf eine Teststrecke für Fahrzeuge und Gefahr hinweisen, doch irgendwo steht auch Montag bis Freitag. Also nehme ich die nächste Abfahrt und nutze die asphaltierte Strasse. Bis zur anderen Seite der Sperrung. Ich muss auf einem engen, steilen Sandweg ein Fliessgewässer überqueren, auf Schotter auf den Deich zurück und komme dann auf der anderen Seite des Zaunes an. Weiter geht es.

Radweg am Rhein-Rhone-Kanal
Radweg am Rhein-Rhone-Kanal

Bis Strasbourg läuft alles wieder wie gewohnt. In Strasbourg entscheide ich mich für den Weg durch die Innenstadt, will eigentlich in ein Café, aber es ist mir zu voll und ich fahre zum Rhein-Rhone-Kanal. Getränke habe ich noch und Schokolade und Riegel auch. Also mache ich Pause an einer Picknickwiese.

Gegen 18 Uhr und nach 155km stelle ich fest, dass in Marckolsheim (fast) kein Zimmer zu bekommen ist und reserviere auf der deutschen Rheinseite etwas. 20€ billiger, dafür mit Spa. Wer lässt sich das entgehen.

Vielleicht derjenige, der weiss, dass die deutsche Seite am Kaiserstuhl alles andere als flach ist.

Egal, nach 170km kam ich an. Ich bekam Schnitzel und hatte noch Zeit für Pool und Sauna.

Vogtsburg am Kaiserstuhl – Montbéliard

Aufgrund der gestrigen Hotelwahl kam ich heute nochmals in den Genuss eines ausgiebigen Frühstücksbuffets, was ich auch ausnutzte. Anschließend ging es dann auch schon bald los.

Rhein-Rhone-Kanal und im Hintergrund der Schwarzwald
Rhein-Rhone-Kanal und im Hintergrund der Schwarzwald

Ein Hotel auf der Anhöhe lässt einen abends gerne fluchen, am Morgen bietet es aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man gemütlich losrollen kann. Und so ging es dann auch relativ schnell nach Breisach hinab und dort über den Rhein, vorbei am Hotel der Frühjahrstour auf der Rheininsel.

So folgte ich auch dem bekannten Weg, einer alten Bahntrasse, bis ich wieder auf meinem geplanten Track landete. Dieser wich dann allerdings schon bald vom Track der SPEZI Tour ab und führte parallel etwas westlicher durch den Wald in Richtung Mulhouse. Kurz vor Mulhouse traf ich Antoine aus Strasbourg, mit dem ich mich dann etwas unterhielt, bis er an seinem Ziel für heute ankam.

Selfie mit Antoine
Selfie mit Antoine

Ich folgte weiter dem Rhein-Rhone-Kanal auf dem Eurovelo 6 – definitiv eine der angenehmsten Strecken, die ich immer wieder gerne nutze. Eine Zeit geht es sanft bergauf, allerdings immer nur alle paar hundert Meter an den Schleusen des Kanals ein kleines Stück. Danach folgt ein ebenso leichtes Gefälle. Immer wieder bieten Bäume am Wegesrand Schatten, durchaus angenehm bei strahlend blauem Himmel und 27°C.

In Dannemarie fand ich eine Gelegenheit zu essen, etwas, was ich mir hier keinesfalls entgehen lasse. Ich legte mir als Tagesziel Montbéliard zurecht, buchte aber noch kein Hotel. Damit hielt ich diese Etappe etwas kürzer, obwohl ich gut voran kam. Zugegebenermaßen trat ich auf den letzten Kilometern auch etwas mehr in die Pedale.

Schleusen am Kanal
Schleusen am Kanal

In Montbéliard fand ich zunächst kein passendes Hotel in der Innenstadt und entschied mich für ein Ibis im Gewerbegebiet. Auf dem Hügel, bewährtes Verfahren. Preiswert und das Rad im Zimmer ist kein Problem. Der Vorteil im Gewerbegebiet: es gibt auch gleich einen großen Supermarkt. Dort deckte ich mich mit den (kleinen) Vorräten an Saft und Pausensnacks für den kommenden Tag ein.

Ich erledigte noch die wichtigen Aufgaben für kurze Tage: kleine Radwartung, Wäsche waschen. Abends ging es zu Fuß in die Innenstadt, wo ich noch etwas zu essen auftrieb.

Montbéliard – Dole

Nach einem kleinen Frühstück im Hotel holte ich das fertig gepackte Rad aus dem Zimmer und startete das erste mal auf dieser Tour kurzärmlig und mit kurzer Hose in den Tag, auch wenn es um halb neun noch relativ kühl war. Aber die Temperatur stieg rasch.

EV6, blauer Himmel, glattes Wasser
EV6, blauer Himmel, glattes Wasser

Vom Hotel ging es abwärts zum Eurovelo 6 und dann wie gewohnt am Kanal entlang. Die Hauptrichtung war ein leichtes Gefälle, auch wenn es immer wieder mal abseits vom Wasser ein kurze Steigung über den ein oder anderen Hügel zu überwinden galt. Auf dem Weg waren heute einige Reiseradler unterwegs, vor allem aber Rennradler. Vornehmend ältere Damen und Herren, an einem Dienstag tagsüber nicht verwunderlich.

Von Montbéliard führt der Weg zunächst nach Baume les Dames, etwa auf halbem Weg nach Besançon. Ein Café verpasse ich und so mache ich eine Pause aus meinen Vorräten: Kekse und Traubenschorle. Kurz bevor ich aufbreche kommt ein Rennradler vorbei. Älter, aber recht sportlich. Zu meiner Verwunderung hole ich ihn aber nach ca. 10min ein, er kämpft sich mit 28km/h gegen den Wind und hängt sich an mich, als ich ihn überhole. Nun kann ich nicht anders, als ihn fair etwas zu ziehen. Nach 15-20 Minuten mit 32 km/h lässt er mich aber ziehen. Ich bin etwas erleichtert und kann auch etwas Geschwindigkeit rausnehmen. Im nächsten Ort rausche ich in eine Baustelle, die nur von der anderen Seite ausgeschildert ist. Mein Rennradler kennt diese offenbar und ist kurz nachdem ich wieder aus dem dem Schotter heraus bin wieder hinter mir. Diesmal lasse ich ihm den Vortritt, als wir aber ein Gefälle hinunterrollen rausche ich vorbei. Tja, bergab und Gegenwind sind jeweils mein Vorteil.

Boots- und Fahrradtunnel unter Besançon
Boots- und Fahrradtunnel unter Besançon

Bis Besançon halte ich das Tempo hoch, dort – nach 95km – bin ich erfreut, einen Italiener am Weg zu finden. Eine ordentliche Portion Nudeln ist jetzt allemale angebracht. Mittlerweile brennt die Sonne bei 29°C und es gibt wenig Schatten. Auf dem folgenden Abschnitt nehme ich deutlich Tempo raus. Ich will mindestens bis Dole, eigentlich noch weiter.

15km vor Dole sehe ich ein Café mit Schattenplätzen, mache dort eine Pause und trinke etwas. Die Sonne wird heute trotz 50er Sonnencreme und Tuch auf dem Kopf zu viel. Ich buche eine Unterkunft in Dole, einen Sonnenstich möchte ich nicht riskieren.

Vielleicht ein Kilometer später ertönt ein seltsames Geräusch vom Hinterrad: pfft-pfft-pfft …ich werde langsamer, kurz bevor ich stoppe verstummt das Geräusch. Die Dichtmilch hat ihren Job getan, nach 3500km war es dann wohl doch ein Glassplitter zuviel. Ich habe noch genug Druck, um sicher weiter zu fahren und verschiebe die Lösung des Problems auf ein weniger sonniges Plätzchen.

In Dole geht es zum Decathlon. Mit der Standpumpe den Reifen auf Druck bringen. Aber bei hohen Drücken versagt die Dichtmilch gerne ihren Dienst. Der freundliche Englisch sprechende Mitarbeiter kennt sich mit Tubeless Reifen aus, freut sich über mein mitgeführtes Tubeless Pannenkit und demonstriert mir behende live, wie das mit den Plastikwürsten funktioniert. Der Reifen ist dicht, ich fülle noch Dichtmilch nach und mache mich auf den Weg.

Dole am Abend
Dole am Abend

Die Erfahrung sagt also: Dichtmilch bei Tubeless Hochdruck-Reifen ist problematisch. Positiv ist aber, dass ich nach der Panne problemlos fast 18km fahren konnte, ohne auf der Strecke irgendetwas dafür zu tun. Das Flicken hat dann auch funktioniert ohne das Rad ausbauen oder auch nur das Gepäck abmachen zu müssen, mit der kleinen Einschränkung dass beim Nachfüllen der Milch (Ventil rausdrehen, da ist der Reifen dann drucklos) die Sache mit helfenden Händen besser geht. Draussen hätte ich wohl das Gepäck abnehmen und das Rad gegen einen Zaun o.ä. gurten müssen.

Trotz alledem war ich früh genug im Hotel, konnte duschen und noch ein wenig durch die schöne Altstadt von Dole schlendern, bevor ich mich für ein Restaurant entschied.

Dole – Cluny

Am Morgen erwartete mich ein original französisches Frühstück: Ein Stück Baguette, ein Croissant, etwas Marmelade, etwas Butter. Wobei der Orangensaft, der Becher Joghurt und die Wahl, einen Tee zu bekommen, schon als Luxus durchgingen.

Landstrasse ohne Verkehr
Landstrasse ohne Verkehr

Nach dem Frühstück rollte ich hinunter zum Radweg. Ab Dole ist es nicht mehr weit, bis der Rhein-Rhone-Kanal in die Saône mündet. Gerade auf den letzten Kilometern und an der Saône gibt es leider auch einige Kilometer mit nicht so gutem Asphalt, in Anbetracht meiner gestrigen Reifenpanne hatte ich auf Split dann ab und zu Sorgen. Aber der Reifen hielt.

Nach dem Erreichen der Saône folge ich nur partiell der offiziellen Radwegführung, an einigen Stellen kürze ich ab. Die Wege sind hier, gemessen an der schönen Landschaft, die mich in den letzten Tagen begleitete relativ langweilig, häufig geht es auch auf wenig befahrenen Landstrassen weiter. Diese haben auch ein paar Hügel zu bieten. Ich bin ja eher ein Fan echter Anstiege, statt ständiger kleiner Hügel.

Bahnradweg bei Chalon sur Saône
Bahnradweg bei Chalon sur Saône

In Verdun sur le Doubs mache ich Pause und esse eine Quiche, das Café kenne ich von 2015 – und schon 2011 hatte ich sicherheitshalber nachgegooglet, ob dieses Verdun wirklich nicht das Verdun ist. Das Verdun liegt schließlich ganz woanders.

Hinter Verdun wird die Besiedlung dichter, bald ist Chalon erreicht. Ich habe eine Expressroute geplant, nicht schön, aber möglichst fix wieder raus. Doch plötzlich das bekannte Geräusch vom Hinterrad. Offenbar durch die Hitze war die Plastikwurst, die die das Loch verschlossen hielt, aufgeweicht und herausgedrückt worden. Diesmal hielt der Reifen noch genug Luft zum Schieben, aber nicht genug zum Fahren.

Ich wollte das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden und vom nächsten Fahrradladen einen Schlauch einziehen lassen, während ich zu Mittag aß. Im Schatten. Leider bekam der Profi den Reifen nicht von der Felge – draußen in der Botanik wäre das ziemlich ärgerlich gewesen. Ich kannte das Problem so nicht, vermute aber einen Zusammenhang mit dem Kleber im Reifen. Ich schob das Rad dann weiter zum nächsten Decathlon, 2,5km entfernt. Dort bekam ich einen passenden Schlauch (einen hatte ich, aber ich wollte Ersatz behalten) und einen neuen Reifen, denn ich traute mich mit der Beschädigung nicht mehr auf die nächsten 2000km. Und ich hatte Zeit zum Essen, während das Rad gemacht wurde. Damit möchte ich meine Einlassung zu Tubeless auf Hochdruck-Reifen korrigieren: das ist definitiv nicht reif für Touren.

Cluny bei Nacht
Cluny bei Nacht

Später als gedacht ging es dann raus auf den Bahnradweg, die Voie Verte, von Chalon in Richtung Macon. Die Nachmittagssonne setzte mir zu, es ging leicht, fast unmerklich, bergan und das Mittagessen aus dem Einkaufszentrum erwies sich als wenig nachhaltig. So legte ich mein Tagesziel auf Cluny fest, der letzte Ort vor der Abbiegung ins Unbekannte, in die Berge und vor allem in eine Gegend mit weit weniger genügend grossen Orten für Übernachtungen.

Abends gönnte ich mir einen Rundgang durch die schöne Altstadt und aß in zwei Restaurants nacheinander. Offenbar fehlte einiges an Energie.