Tag 2: (Goslar – Paderborn)

Ich wachte auf, aber ich hatte nicht gut geschlafen und fühlte mich nicht wohl. Ich ließ es langsam angehen, Nach dem Frühstück checkte ich das Wetter; grau und windig. Auch die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes.

Nichtsdestotrotz machte ich mich fertig für eine Tour, sei es „soweit ich komme“, nur nach Seesen, Bad Gandersheim oder Kreiensen – oder auch nur bis zum Bahnhof. Und die letzte Option wählte ich dann auch. Zwar ging das Fahren besser als befürchtet, hätte ich fahren müssen, dann wär das gegangen. Aber ich musste ja nicht. Und so entschied ich mich für einen Ruhetag, im Hinblick auf kommende Tourtage.

Bis der nächste Zug kam setzte ich mich noch in der Nähe des Bahnhofs in einen Bäcker und trank einen Tee, dann ging es zuerst mit der Regionalbahn nach Kreiensen. Dort stand der Anschlusszug nach Paderborn bereits am anderen Gleis bereit, der Umstieg klappte prima.

Während der Fahrt nach Paderborn sah ich nicht nur die hügelige Landschaft, sondern auch den Wind, der mit 40km/h bis 50km/h den Regen an die Scheiben des Zuges peitschte. Ich war froh, mich für die Bahn entschieden zu haben.

In Paderborn suchte ich mir ein Hotel direkt am Bahnhof. Zum einen liegt das direkt an der Route, falls das Wetter morgen besser und wenn nicht, dann eben am Bahnhof – zum anderen musste ich so nicht im Regen irgendwo anders hin fahren, Einen sicheren Platz für’s Rad gab’s auch und das Zimmer war auch, bereits bei meiner Ankunft am Mittag bezugsbereit.

In einer Regenpause erkundete ich noch ein wenig die Stadt, dann ruhte ich, abends ging ich noch etwas essen und für den kommenden Tag Saft besorgen. Der Abend endete früh und ich lasse mich überraschen, ob morgen der angekündigte Dauerregen kommt oder ich doch ein halbwegs gutes Fahrwetter haben werde.

Tag 1: (Berlin -) Magdeburg – Goslar

Die Tasche hatte ich bereits am Vortag gepackt, der Antrieb war frisch gemacht, der Reifendruck geprüft – lediglich den Dämpferdruck wollte ich noch ein wenig anpassen auf die Beladung mit Reisegepäck. Trotzdem schaffte ich es irgendwie, dass mir unbemerkt die Zeit davon lief und als ich das Rad auf die Straße brachte und die Tür hinter mir schloss, stellte ich erschreckt fest, dass es bereits 07:48 Uhr war. Um 08:12 Uhr ging der RE1 nach Magdeburg ab Charlottenburg. Ich hatte also 24 Minuten für knappe 5km Stadtverkehr zur besten Berufspendler- und Elterntaxizeit.

Mit knapp 247 Watt Schnitt kam ich dann um kurz nach 8 Uhr am Bahnhof an und alles lief glatt, aber die Pace war gesetzt. Und zwar auf einen vollkommen falschen Level, um nach anstrengenden Zeiten auf eine entspannende Tour zu gehen. Als wir dann vor Magdeburg auch noch 15 oder 20 Minuten Verspätung einfingen – obwohl das für die Tour überhaupt null Relevanz hatte – war ich auf Loslegen und Aufholen gepolt, denn ich wollte heute recht weit kommen. Auch kein kluges Unterfangen für den ersten Tag einer Chill Out Tour.

Aus Magdeburg ging es bei recht gutem Wetter auf einem halbwegs ruhigen Weg hinaus, dann ging es auf ruhige Landstraßen und Wirtschaftswege. Ich hatte ordentlich Druck auf den Pedalen und kam gut voran. Was zu kurz kam, war ein ordentliches Energiemanagement. Gegen 12 Uhr meldete sich ein leichtes Hungergefühl, dass ich gekonnt ignorierte. Nach 2 Wochen Tour ist das kein Problem, da hat sich der Körper drauf eingestellt – am ersten Tag ist das ein bisschen doof.

Vor allem, wenn man über kleine Dörfer in Sachsen-Anhallt fährt, da kommt dann nämlich auch so schnell nichts. Und so gönnte ich mir auf einer Bank am Rande eines ruhigen Bahntrassenradwegs ein Gel, bevor es weiterging. Auch wenn es nervig war, aber es war in diesem Falle Glück, dass ich später auf einer (erstaunlich ruhigen) Bundesstraße unterwegs war, so kam ich zumindest an einer Tanke vorbei, wo ich eine Knacker aus dem Dampfglas und ein Brötchen nebst einer Cola ergatterte.

Zum Nachmittag frischte der Wind auf und am Fuße des Harz – der Brocken war über weiter Teile des Weges in der Ferne zu sehen – wurde es auch ganz gut hügelig. Trotz eines Kuchens beim Bäcker war irgendwann nicht mehr viel zu holen und so beschloss ich, den ersten Tag nach knapp über 100km ab Magdeburg in Goslar enden zu lassen. Am Wichtigsten ist es für mich, in den Entspannungsmodus zu kommen. Einfach so weit zu fahren, wie es geht. und auch mal so langsam zu fahren, wie es gerade angenehm ist. Ich muss nirgends ankommen, ich kann, gerade auf den ersten Etappen, problemlos per Bahn abkürzen.

In Goslar bezog ich das Hotel, duschte mich, zog mich um und machte dann einen kleinen Spaziergang durch die nette Altstadt, bevor ich mir ein Restaurant suchte, um meine Energievorräte ordentlich aufzufüllen. Den Abend beendete ich früh – und ohne einen Wecker zu stellen.

Groningen – Oldenburg

Um 07:30 Uhr gingen wir zum Frühstück, etwas skeptisch, weil wir das zwar angekündigt hatten, aber im Raum Frühstückszeiten ab 08:30 Uhr angeschrieben waren. Es gab aber wirklich bereits Frühstück und wir konnten uns stärken. Das Tagesziel hieß Oldenburg, knapp 140 Kilometer entfernt.

Schiffswerft in Foxhol

Aus Groningen hinaus folgten wir großen Straßen, was zwar etwas nervig, dank niederländischer Infrastruktur aber problemlos möglich war. Wir hatten neben uns den Kanal Winschoter Diep mit seinen vielen Schiffswerften, von denen es dutzende Videos bei Youtube gibt („Ship launch Foxhol“) – heute hatten wir allerdings keinen zu sehen bekommen, behielten dafür aber trockene Füße.

Zwischen Beerta und Bad Nieuweschanz merkten wir dann langsam, dass wir in die Nähe der Deutschen Grenze kamen: Die Radweginfrastruktur war für niederländische Verhältnisse bemerkenswert schlecht. Allerdings bemerkten wir schon wenige Meter nach überqueren der Grenze, dass es dennoch erhebliches Potential nach unten gab. Erst Scherben auf schlechtem Untergrund, dann ein Eurovelo, der wegen Bauarbeiten gesperrt ist, wo die Umleitung (über befahrene Straßen ohne Radweg) aber versteckt bis gar nicht ausgeschildert ist.

Erster Radweg in Deutschland

Eine Pause in Bunde blieb uns verwehrt, weil der Bäcker um 12:28 Uhr schloss. In Weener am Hafen fanden wir ein offenes Lokal, nachdem wir auf einem rumpeligen, schmalen Eurovelo 12 (wegen gesperrter Bundesstraße mit vielleicht etwas besserem Radweg) dort zunächst durch eine ziemlich tote Innenstadt gefahren waren. Bei einem Stück Kuchen warteten wir einen kräftigen Schauer ab, bevor es weiter ging.

Auf dem Weg nach Leer passierten wir die Jann-Berghaus-Brücke, die gerade wegen einer Schiffsdurchfahrt hochgeklappt war, als wir ankamen – ein beeindruckender Anblick.

Jann-Berghaus-Brücke zwischen Weener und Leer

Die Altstadt von Leer durchfuhren wir in der Fußgängerzone, wenigstens war es hier belebter. In Wiltshausen mussten wir umplanen, weil wegen Hochwassers die historische Fähre nicht fuhr. So fuhren wir entlang des Deiches am Nordufer der Jümme, bis wir in Stickhausen wieder auf den ursprünglich geplanten Track trafen.

Während wir bis Apen noch auf ruhigen Wegen fuhren, ging es dann via Bad Zwischenahn auf dem Radweg der Landstraße weiter. Wir beeilten uns etwas, denn hinter uns zogen Regengebiete auf (die aber letztlich vorbeizogen).

Überschwemmter Fähranleger Wiltshausen

In Oldenburg hatten wir ein Hotel in Bahnhofsnähe gefunden, das auch eine Sauna bot. Diese nutzten wir zur Entspannung, nachdem wir vorher im Hafen essen waren.

Cuxhaven – Hamburg

Da wir für den Tag herrliches Wetter Rückenwind erwarteten, ließen wir uns mit dem Frühstück und beim Packen der Räder Zeit. Das Hotel lag direkt am Track, so dass wir nach kurzer Zeit von der Straße auf den Deich wechseln konnten und am Strand von Duhnen bis zum Cuxhavener Fährhafen fahren konnten, um obligatorisch auf der Mole die Nordsee zu begrüßen.

Deich bei Cuxhaven

Durch den Fischereihafen und vorbei an den fischverarbeitenden Betrieben mit ihrem markanten olfaktorischen Erlebnis führte uns unsere Strecke anschließend zurück auf den Deich, von wo man die in die Elbe Richtung Hamburg einlaufenden Schiffe beobachten konnte. Typisch für Deichfahrten sind die regelmäßigen Schafsgatter. Vorsicht ist angesagt, denn die Tiere haben um diese Jahreszeit Junge, bei denen man immer gewahr sein muss, dass sie vor Schreck zum Muttertier laufen könnten – im Zweifel direkt vor’s Rad.

Eine weitere interessante Frage ist immer die nach der Fahrt innen oder außen am Deich. Die Grundregel heißt aber meistens, sich an die ausgeschilderte Radroute zu halten, denn nicht selten steht man sonst unversehens vor einem verschlossenen Gatter und muss umkehren. Trotz des schönen Wetters waren nur wenige Radfahrer unterwegs, wir konnten also entspannt fahren. Gerade das Stück zwischen Oste und Freiburg (Elbe) lief wunderbar.

Einfach fahren

Bei Wischhafen trafen wir auf die Bundesstraße, die zur Fähre nach Glücksstadt führt. Ein herrliches Gefühl, am kilometerlangen Autostau vor der Fähre einfach mit 30 km/h vorbei fahren zu können und bei dem dichten Fährtakt dann nach sehr kurzer Wartezeit als erster auf die Fähre – und auf der anderen Seite wieder runter – zu dürfen.

Den Binnenhafen Glücksstadt umkurvten wir, dann gab es wieder Deichfahrt, doch langsam meldete sich die Erkenntnis, dass wir eine Kleinigkeit essen sollten. Am Hafen Kollmar fanden wir eine einfache Möglichkeit, uns zu versorgen – und bekamen von Harald Legner, der unseren Track verfolgt hatte den wertvollen Hinweis, dass die Sperrwerke Krückau und Pinnau geschlossen waren und wir diese über Elmshorn umfahren müssten.

Containerfrachter auf der Elbe

Da Micha in Hamburg die letzte Regioverbindung nach Berlin erreichen wollte, war der große Umweg an sich schon nicht gerade ein Segen – spätestens die Benutzung der straßenbegleitenden Radwege an der stark befahrenen Bundesstraße und vor allem bei den Ortsdurchfahrten bis Wedel zehrten dann aber erheblich an den Kräften. In Hamburg kam dann noch eine – glücklicherweise mit guter Umleitung ausgeschilderte – Baustelle dazu, aber wir erreichten eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges den Hauptbahnhof. Micha kaufte seine Fahrkarte und konnte in den Zug steigen.

Ich bemühte mich um eine Übernachtungsmöglichkeit. Wegen einer Messe in Hamburg waren aber kaum noch Zimmer und diese eher im Preisbereich jenseits der 200€ pro Nacht zu haben und auch im Umland sah es mau aus, bestenfalls waren noch Absteigen zu bekommen mit unklarer Möglichkeit der sicheren Fahrradabstellung. Auch auf eine Fahrt von weiteren 50-60 Kilometern legte ich keinen großen Wert und so entschied ich mich nach Prüfung der Verfügbarkeit, zunächst auch nach Berlin zu fahren – mit dem Fernverkehr, wo ich glücklicherweise kurz vor Abfahrt noch einen Fahrradplatz reservieren konnte.

Hamburg Hauptbahnhof

Bremen – Cuxhaven

Da wir wussten, dass auch dieser Tag vom Fahren gegen den Wind geprägt sein würde, machten wir uns direkt abfahrbereit, Frühstück gab es in der Unterkunft einer Bäckerei, die wir ausgiebig nutzten.

Eine kurze Fahrt durch Industriegebiete mit einer teils kreativen Radwegführung führte uns schnell aus Bremen heraus, anschließend war vor allem die Nutzung von Wegen hinter dem Deich angesagt. Am Elsflether Sand gab es einige (teils mäßig ausgeschilderte) Umleitungen wegen Bauarbeiten zu meistern, sonst war die Fahrt aber ruhig und schön.

Fahren hinter dem Deich

In Brake (Unterweser) legten wir eine kurze Bäckerpause ein, weil wir den Energiefehler vom Vortag vermeiden wollten. Leider hatte Micha irgendetwas am Snack nicht gut vertragen, so dass es auf den kommenden Kilometern etwas langsamer voran ging. Bald war aber auch das wieder OK und wir erreichten Nordenham. Die Innenstadt gab – es war kurz vor 14 Uhr – nicht viel her und wir mussten etwas suchen, fanden dann jedoch ein Bistro mit offener Küche.

Nördlich durchquerten wir einige Industriegebiete auf einem rumpeligen Radweg entlang einer stark befahrenen Straße, bis wir in Blexen zur Fähre kamen. Diese brachte uns nach Bremerhaven. Der Weg aus Bremerhaven heraus führte uns durch den Industriehafen und das große Autoterminal. Bald waren wir zum Glück am Deich, wo das Fahren mehr Spaß machte.

Wie immer: man kommt zur Nordsee und sie ist gerade weg

Der aufgefrischte kalte Nordwind bremste uns, doch wir ließen uns ich beirren und fuhren bis Cuxhaven-Duhnen, wo wir ein bezahlbares Hotel direkt am Track fanden. Dies ist der nördlichste Punkt der Tour und der Nordwind war für den Samstag teils noch stärker und mit einer leichten Drehung auf Nordwest angesagt, so dass hoffentlich ein Rückenwindtag bevorstand.