Tag 3: Braunsbedra – Karsdorf (- Erfurt)

Das Wetter vor dem Fenster sah netter aus, als es nach Regenradar war. So ließen wir uns Zeit mit dem Frühstück und beschlossen, einen großen Teil des Regengebietes, vor allem den mit Sturmböen und stärkerem Regen, durchziehen zu lassen, bevor wir uns aufs Rad setzten. Gerade bei Temperaturen um nur noch etwas mehr als 10°C ist es nicht so angenehm, mit feuchten Klamotten unterwegs zu sein. Und wie wir alle wissen, halten Regenklamotten nicht trocken, sondern sorgen nur dafür, was man in warmem Salzwasser und nicht in kaltem Süßwasser schwimmt.

Um kurz nach 12 Uhr ging es dann endlich los, wir fuhren, obwohl noch nicht alles durchgezogen war, bei leichtem Tröpfel zunächst zum Geiseltalsee hinab, dann bis Mücheln – und blieben dort erst einmal in einem Tunnel stehen. Der Regen prasselte und Temperaturen von 6°C zusammen mit nassen Klamotten sind einfach nicht angenehm. Dennoch machten wir uns irgendwann wieder auf den weiteren Weg.

Bis zu Schnellfahrstrecke Halle-Erfurt ging es erst einmal etwas aufwärts, kaum waren wir oben peitschte uns starker Wind von schräg vor entgegen – und es wurde immer kälter. Durch Kalzendorf und Steigra ging es dann in die Abfahrt nach Karsdorf. Diese mussten wir aufgrund der Nässe vorsichtig runterrollen.

Im Ort schauten wir für die weitere Planung nach einem überdachten Platz, aber nicht einmal eine Bushaltestelle war verfügbar. Der weitere Weg war versperrt, denn auf der geplanten Straße fehlte wegen Bauarbeiten die Brücke über die Unstrut. Wir entschieden uns für den Abbruch, mit der Zeit und der Geschwindigkeit wären wir durchgefroren erst am Abend in Erfurt gewesen. Also lieber die Abkürzung mit der Bahn.

Am Bahnhof angekommen kam zufällig in just diesem Augenblick der Zug nach Naumburg (Saale), der Triebfahrzeugführer schaute mitleidig und öffnete bereitwillig ohne unser Zutun die Tür zum Fahrradabteil. In Naumburg ging es dann eine Viertelstunde später mit der nächsten Regionalbahn nach Erfurt. Auf dem Weg reservierten wir noch ein Hotel, das wir in wenigen Minuten vom Bahnhof erreichen konnten. Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen.

Bis unser kurzfristig reserviertes Zimmer fertig war gingen wir noch essen, mittlerweile kam sogar die Sonne raus, aber es blieb windig und kalt. Der Abend ging mehr an Sachen trocknen und warm werden drauf, als dass wir andere große Pläne gehabt hätten.

Tag 2: Lutherstadt Wittenberg – Braunsbedra

Während der Morgen kühl und noch bedeckt durch die Fenster lugte, machten wir uns fahrfertig und gingen dann zum Frühstück. Dieses war abwechslungsreich und bot eine gute Grundlage für den Tag, der heute etwas länger werden sollte als gestern.

Nach dem Start fuhren wir zunächst über die Elbe, dann folgten wir grob der Bahnstrecke, auf der in dichtem Takt die ICEs pendeln, dazwischen gibt es auch Regionalverkehr, so dass es immer etwas zu sehen gibt. Die Wege sind meist gut, manchmal wird man aber auch über Kopfsteinpflaster geführt, gerade innerhalb von Orten.

Schon nach kurzer Fahrt treffen wir in Bergwitz auf den Bergwitzsee und damit den ersten, von einigen Tagebauseen auf unserer heutigen Etappe. An diesem fahren wir aber nur vorbei, bis Radis entlang der Bahn, dann geht es auf straßenbegleitenden Radwegen und kleinen Straßen weiter.

Bei Mühlbeck kommt mit dem Großen Goitzschesee der größte See in Sicht, einst durch ein Hochwasser schneller geflutet, als geplant – so erzählen es uns andere, die auf unsere Räder aufpassen, während wir einen schwimmenenden Turm erklimmen, von dem es einen tollen Überblick über den riesigen See und die umgebende Landschaft gibt.

Es gibt an den Seen auch alte Maschinen aus den Tagebauzeiten zu sehen, eine Lok, Grubenwagen und später am Werbeliner See auch noch Teile eines großen Schaufelbaggers, so dass es immer wieder Gelegenheiten für interessante kleine Pausen gibt. Mittlerweile scheint die Sonne und wir haben deutlich über 20°C.

Einen kleinen Snack hatten wir uns am Ortsausgang von Delitzsch in der Bäckerei eines Supermarktes gegönnt, sonst bot der Ort irgendwie nichts (und in den anderen war es oft nicht viel besser).

Vor Schkeuditz kamen wir am Flughafen Halle/Leipzig vorbei mit seinen riesigen Logistikterminals, auf dem begleitenden Radweg einer Bundesstraße. Hinter Schkeuditz änderte sich die Umgebung, denn wir fuhr bis kurz vor Merseburg auf dem Elster-Radweg auf dem Deich des namensgebenden Flusses.

Hinter Merseburg war es dann nicht mehr weit bis zum Geiseltalsee, unserem heutigen Ziel, nahe des Sees hatten wir eine Unterkunft ins Braunsbedra gefunden. Duschen, umziehen, einkaufen, Abendessen war wieder die abendliche Routine.

Für die kommenden zwei Tage ist deutlich kühleres und nasseres Wetter angesagt, so dass wir entscheiden müssen, wie weit und schwer die nächsten Abschnitte werden.

Tag 1: Berlin – Lutherstadt Wittenberg

Für den Anfang hatten Micha und ich uns geeinigt, dass wir eher kurze Etappen machen, da wir beide noch nicht viel gefahren waren in diesem Jahr. Da wir bereits am Freitag losfahren konnten, hatten wir genug Puffer – und für den Fall schlechter Strecken oder blöden Wetters auch beide offen die Option ins Auge gefasst, zwischendurch mit der Bahn abzukürzen.

Die erste Etappe sollte uns nach Lutherstadt Wittenberg führen, etwa 100km. Das Wetter war uns hold, es war vorwiegend sonnig bei knapp 20°C. Um 10 Uhr trafen wir uns in Steglitz am Teltowkanal. Entgegen sonstiger Gewohnheit, die Strecke über Wannsee und Potsdam aus der Stadt zu wählen, fuhren wir diesmal über Güterfelde und Beelitz. Schon kurz nach dem Start mussten wir an der immer noch existenten Baustelle am Teltowkanal eine Umleitung durch den Stadtverkehr fahren, danach lief es aber glatt weiter.

Der Verkehr war mässig, große Teile der Strecke ohnehin auf meist straßenbegleitenden Radwegen, viele davon erst in den letzten Jahren angelegt oder erneuert, so dass sie eine gute Qualität hatten.

In Beelitz machten wir eine kleine Bäckerpause mit einem Stück Kuchen (und ohne Spargel), dann ging es auf uns unbekannten Strecken weiter. Bis Treuenbrietzen gab es noch einen Radweg neben der B2, dem wir folgten, dann ging es über kleine Straßen und Fahrradstraßen via Marzahna, Wergzahna und Zahna. Von dort mussten wir eine Land- bzw. Kreisstraße ohne Radweg nehmen, da die offizielle Radwegeführung über nicht asphaltierte Strecken verläuft. Bei mäßigem Verkehr war aber auch dies weitgehend problemfrei.

In Wittenberg angekommen checkten wir im Hotel, direkt am Markt, ein. Wir duschten, zogen uns frische Klamotten an und machten einen kurzen Abstecher zum Supermarkt, um Geschmack für die Getränke am folgenden Tag zu besorgen. Anschließend gingen wir essen und machten noch einen Spaziergang zur Kirche mit den 95 Thesen und zur Elbe. Auf dem Rückweg aß ich noch einen Nachtisch, Micha genehmigte sich noch einen herzhaften Nachschlag.

Da wir beide müde waren, endete der Abend eher früh.

Erfurt – Dessau (- Berlin)

Wie lang der Tag werden würde, wussten wir morgens noch nicht. Mindestens bis Halle mussten wir kommen, denn zwischendrin gibt es wirklich sehr wenig. Um kurz nach neun Uhr ging es bei schönstem Wetter und wieder getrockneten Straßen also los. Die Route vom Hotel zum Track hatten wir beim Frühstück schnell zusammengeschustert, aber sie versprach zumindest, den Erfurter Stadtverkehr schnellstmöglich hinter uns zu lassen.

Kurz nach dem Einbiegen auf den Weg entlang der Schnellfahrstrecke kam bereits das erste Highlight, die Gamme-Furt. Bei unserem sonnigen Wetter war es natürlich kein Problem, die Schuhe und socken auszuziehen und die Hosen hochzukrempeln, um das Rad durch das etwa 30cm tiefe Wasser zu schieben. Aufgrund des rutschigen Untergrunds und der Lücken zwischen den Betonplatten bietet sich das Fahren leider nicht wirklich an.

Anschließend ging es erst einmal viele Kilometer leicht hügelig entlang der Bahnstrecke ohne Verkehr, womit Entspannung garantiert war. Neben uns blühten und dufteten die Raps-Felder, alle paar Minuten rauschte ein ICE vorbei und immer wieder konnte man über die Landschaft schauen.

Von Zeit zu Zeit ging es etwas entfernt von der Bahnstrecke auf Straßen weiter. Entweder mussten wir aufwärts und oberhalb des unter uns verlaufenden Bahntunnels fahren oder es ging ins Tal und die Bahn querte auf hohen Brücken über uns. Bei einem dieser Wege abseits, etwa auf der Mitte zwischen Erfurt und Halle, kamen wir durch Bad Bibra, wo es zumindest an Supermärkten die Möglichkeit gibt, einen Snack zu besorgen – was wir auch taten.

Kurz vor Halle geht es zurück auf Straßen, Pflastersteine und teils schlecht geführte und rumpelige Radwege. In Halle gibt es eine alte Hafenbahntrasse, auf der heute ein Radweg führt. Normal ist diese gut zu fahren, aber da gerade ein Fußballspiel zu Ende war, war der Weg recht voll mit Fußgängern. Auf der Insel Peißnitz legten wir einen weiteren kleinen Essens- und vor allem Getränkestop ein. Da wir beide uns noch fit fühlten, beschlossen wir bis Dessau durchzufahren und von dort den Rest des Weges mit der Bahn anzutreten.

Nördlich von Halle geht es zunächst auf einen Hügel, dann auf Landstraßen weiter. Zum Glück war ein großer Teil kurz vor Dessau wegen Bauarbeiten für den Autoverkehr gesperrt, so dass wir auch auf diesem Abschnitt noch ein paar tolle, ruhige Wege fanden.

Statt am Sonntag die altbekannten Wege durch Brandenburg zu fahren, nahmen wir die Regionalbahn ab Dessau, so dass Micha in die Sauna und ich zur VELO Berlin Fahrradmesse konnten.

Sonne, Schienen und schnelle Züge

Nach dem Aufstehen besorgte ich im nahegelegenen Supermarkt zunächst etwas Saft, um Geschmack in meine Getränke zu bringen, erst dann ging es zum Frühstück. Um kurz vor neun ging es zurück auf den Track.

Leere Landstraße hinter Dessau
Leere Landstraße hinter Dessau

Den ersten Teil der Strecke von Dessau bis Halle kannte ich ja hinreichend, ich spulte ihn einfach runter. Über ruhige Landstraßen geht es südwestlich aus Dessau raus, dann weiter durch Quellendorf und Hinsdorf, schließlich von Norden über eine Radweg nach Halle hinein. Einige Straßen später führt mich der Weg an die Saalepromenade. Im Normalfall steuere ich das Schiffsrestaurant Marie-Hedwig an. Dann ist es Sonntag, das Restaurant öffnet um 11 Uhr und ich komme später an. Heute aber ist Montag, das Restaurant öffnet um 12 Uhr und ich bin schon um 10:45 Uhr da. Ich brauche eine Alternative und finde sie ein Stück weiter im Peißnitzhaus-Café. Dort bekomme ich zumindest schon Kuchen und zwei große Rhabarberschorlen.

Von hier biete ich auf den mir unbekannten Teil der Strecke ab, ab jetzt kommen neue Eindrücke. Als erstes ein Stück der alten Hafenbahn, jetzt als Radweg genutzt. Die Ausfahrt aus Halle ist, wie auch auf meinem Standardweg in Richtung Südwest, hakelig. Schlechte Straßen, katastrophale Radwege (oft Benutzungspflichtig) – und zuguterletzt erwische ich, vermutlich aber durch einen Planungsfehler meinerseits, noch Kopfsteinpflaster. Irgendwann biege ich aber von der Landstraße auf einen Wirtschaftsweg ab und finde schließlich den Serviceweg der Schnellfahrstrecke (Bahn) Halle-Erfurt.

Entlang der Schnellfahrstrecke der Bahn
Entlang der Schnellfahrstrecke der Bahn

Wegen der hügeligen Landschaft und der vielen Tunnels und Brücken muss ich den Weg aber bald wieder verlassen und komme dann immer wieder nach diversen Kilometern auf glücklicherweise guten und ruhigen Straßen zur Bahnstrecke zurück. Es ist ein ewiges Auf und Ab, Schatten gibt es nur unter Brücken, wo ich dann oft eine kurze Pause einlege, denn es sind 33°C und die Sonne brennt. Führt mich der Weg auf der Straße durch die Dörfer, so fällt auf, das es keine (geöffneten, falls überhaupt) Gasthäuser gibt, mit etwas Glück finde ich eine Tanke. So kann ich etwas trinken und meine Flüssigkeitsvorräte auffüllen, außer Schokoriegeln gibt es aber nichts Essbares. Aber eine Abkühlung durch die Klimaanlage.

Was folgt, ist ein langer Anstieg in sengender Sonne. Dann eine kurze Abfahrt und wieder geht es rauf bis ich irgendwann die Schnellfahrstrecke wieder an meiner Seite habe. Keine Autos, aber auch kein Schatten (außer unter Brücken), dafür rauschen nebenan die Züge mit irgendwas zwischen 250 und 300 km/h vorbei, ein toller Anblick. Wann hat man schonmal einen ICE in voller Fahrt im Rückspiegel?

Gamme Furt
Gamme Furt

Kurz vor Erfurt erwartet mich noch die Gramme Furt. Vielleicht zweieinhalb Meter breit, ca. 20-30 Zentimeter tief. Da ich sie noch nicht kenne, halte ich ersteinmal an und schaue, wo ich am besten durchfahren kann. Dann rauf auf’s Rad und durch, geht ganz einfach. Mit dem Liegerad kriegt man nicht mal nasse Füße. Und die Felgen sind wieder blank und frei vom Staub der Fahrt.

In Erfurt habe ich ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs, von hier ist es nicht weit zu Fuß in die Innenstadt, wo ich mir einen netten Italiener suche, um meine Energiebilanz zumindest in Teilen wieder auszugleichen.